„Ich wollte den Neuaufbau nicht anderen überlassen“

„Mir sind aus meiner aktiven Zeit in Politik und Wissenschaft eine Reihe Ehrenämter geblieben, in die ich viel Zeit investiere“, Unruheständlerin Dagmar Schipanski. (FOTO DS-Archiv)Der 24. Januar 1999 veränderte ihr Leben entscheidend. An diesem Tag hatten CDU und CSU die parteilose Wissenschaftlerin zu ihrer Kandidatin für die Wahl des Bundespräsidenten nominiert. Für Monate war ihr Name danach in aller Munde. Prof. Dr.-Ing. habil. Dagmar Schipanski unterlag dann zwar dem SPD-Kandidaten Johannes Rau; die Politik ließ sie fortan aber nicht mehr los. Als Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst und als Landtagspräsidentin gehörte sie die folgenden zehn Jahre zu den führenden Politikerinnen in Thüringen.

Den Mauerfall hätte sie beinahe verschlafen. Nach einem anstrengenden Tag, an dem sie zur Hochschule gegangen war, mit den Kindern Schularbeiten gemacht und anschließend für die Familie und Gäste aus Novosibirsk und Ungarn gekocht hatte, fiel die damalige wissenschaftliche Mitarbeiterin todmüde ins Bett. Um kurze Zeit später geweckt und vor den Fernseher gelockt zu werden. Was sie dort sah, erfüllte sie zuerst mit ungläubigem Staunen und später mit riesiger Freude, die von Minute zu Minute wuchs. Ihre ausländischen Gäste aber schüttelten den Kopf. Sie verstanden nicht, was sich da gerade in Berlin abspielte. Warum, fragten sie. Ihr habt doch alles: Arbeit, Auskommen, ein Haus, drei Kinder. Freiheit war für sie kein Wertebegriff. Die Diskussionen währten bis zum Morgen, an dem sich Dagmar Schipanski mit ihrem Mann auf den Weg zum Volkspolizei-Kreisamt machte, um die Stempel für einen Kurzbesuch bei ihren hessischen Verwandten zu holen …

 

NTI: Frau Schipanski, Ihre Kurz-Vita liest sich, als hätte es keine politische Wende gegeben. Waren Sie zu DDR-Zeiten eine unpolitische Wissenschaftlerin?

SCHIPANSKI: Ich war mit Leib und Seele Wissenschaftlerin, in keiner Partei, und ich habe mich nicht für, aber auch nicht gegen den Sozialismus engagiert. Als „unpolitisch“ würde ich mich dennoch nicht bezeichnen. Ich war fest in der evangelischen Kirche verankert und von daher ein Außenseiter dieses Systems, dem es nicht immer leicht gemacht wurde. Ich habe nach dem Physikstudium eine berufliche Karriere gemacht, wie sie typisch für Wissenschaftler in der DDR war. Die entscheidenden Stationen, wie Berufung zur Professorin bis hin zur Wahl als Rektorin der Ilmenauer Hochschule folgten erst nach der friedlichen Revolution.

NTI: Wie haben Sie die Zeit des demokratischen Umbruchs erlebt?

SCHIPANSKI: Als erstes probierten wir aus, was an der neuen Reisefreiheit dran ist. Wir fuhren für wenige Tage zu unseren Verwandten in Hessen. Nach der Rückkehr begann dann die wohl aufregendste und schwierigste Zeit in meinem Berufsleben. Es ging darum, die Ilmenauer Hochschule auf die neuen Anforderungen vorzubereiten, die mit der demokratischen Umgestaltung des Landes unweigerlich auf Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft zukommen würden. Die Universitäten in Ost- und Westdeutschland unterschieden sich total: von den Strukturen her und von den demokratischen Gepflogenheiten. Bei uns gab es keine freie Rektorenwahl. Und keine freien Senatswahlen. Die Professoren wurden eingesetzt. Mit anderen Worten: Unsere Hochschule mußte total umgekrempelt werden, vom Einfluß der SED befreit werden.

NTI: Wie ging das praktisch vor sich?

„Ich sah mich in der Pflicht“, Ilmenauer Uni-Rektorin Prof.  Dagmar  Schipanski. (FOTO Andreas Kühn)SCHIPANSKI: Die politische Wende ging an unserer Hochschule überraschenderweise weniger von den Studenten aus als vielmehr von den älteren Kollegen, zu denen ich damals schon zählte. Wir trafen uns zum Runden Tisch, stellten Vergleiche mit westdeutschen Universitäten an, studierten an Ort und Stelle gute Erfahrungen und luden renommierte Kollegen nach Ilmenau ein. Die Evaluation durch den Wissenschaftsrat, die über die Zukunft der Technischen Hochschule entscheiden sollte, nutzten wir zu einer schriftlichen Zusammenfassung der bis 1989 durchgeführten Forschungsarbeiten und zu einer Darstellung unseres Wissenschaftsprofils. Wir räumten mit dieser Vorgehensweise das Vorurteil der westdeutschen Professoren aus, daß an ostdeutschen Hochschulen nur gelehrt und nicht geforscht worden sei. Die positive Bewertung des Wissenschaftsrates war Ausgangspunkt für einen Strukturplan, für neue Studiengänge, neue Forschungsverträge und die Evaluation des gesamten Personals. Das ist gegen manche Widerstände im eigenen Haus dank großem Einsatz engagierter Kollegen auch gelungen. Ich möchte betonen, daß dies alles bei laufendem Lehrbetrieb erfolgte, der nie unterbrochen wurde, eine einmalige Leistung.

NTI: Haben sich Ihre Hoffnungen und Erwartungen, die Sie an die politische Wende knüpften, erfüllt?

SCHIPANSKI: In vollem Umfang. Wir haben heute eine international anerkannte Hochschul- und Wissenschaftslandschaft in Thüringen, unsere Dörfer und Städte haben farbige, moderne Gesichter, neue Straßen und Schienenwege durchqueren unser Land, Gewerbegebiete sind entstanden, Umweltschäden wurden beseitigt, neue Krankenhäuser, Schulen und Sportstätten wurden gebaut. Nur bei der Überführung der Wirtschaft hätte ich mir mehr strukturelle Hilfen gewünscht. Betriebe also nicht nur privatisieren oder abwickeln, sondern Privatisierung unter Berücksichtigung der Struktur der einzelnen Regionen. Und mit Blick auf die Menschen, die von einem Tag auf den anderen ohne Arbeit dastanden. Doch die Zeit drängte. Der wirtschaftliche Umbruch mußte schnell geschehen. Die ostdeutschen Unternehmen waren mehrheitlich nicht konkurrenzfähig und resolute Schritte notwendig. So bedauerlich es ist, daß zum Beispiel die Ilmenauer Porzellan- und Glaswerke nicht überlebt haben, so muß andererseits doch festgestellt werden, daß die Umstrukturierung einen ungeheuren Schub ausgelöst hat. Thüringen ist heute ein blühendes Industrieland mit einer Vielzahl von modernen Unternehmen, die sich im internationalen Wettbewerb zu behaupten wissen.

NTI: Deutschlandweit bekannt wurden Sie 1999, als CDU und CSU Sie als Kandidatin für die Wahl zum Bundespräsidenten nominierten. Sie unterlagen damals gegen den SPD-Kandidaten Johannes Rau. Welchen Stellenwert hat diese Kandidatur in Ihrem politischen Leben?

„Ich kann uns Deutschen nur zu diesem Bundespräsidenten gratulieren“, Joachim Gauck  1994  im  Deutschen Nationaltheater Weimar im Rahmen der Reihe „Reden über Deutsschland“. (FOTO Claus Bach)SCHIPANSKI: Diese vier Monate waren mit völlig neuen Erfahrungen verbunden. Plötzlich rückte ich in den Fokus einer großen Öffentlichkeit. Mußte Rede und Antwort stehen. Und hatte mich in Ost und West den drängenden Fragen der Wiedervereinigung zu stellen. Das hat mich tief geprägt. Ich habe diese vier Monate aber auch genutzt, um über grundsätzliche Fragen zu diskutieren: beispielsweise über die Bedeutung der Wissenschaften für die gesellschaftliche Entwicklung. Oder über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Als Mutter von drei Kindern und Professorin galt ich in dieser Hinsicht für viele in Süd-Westdeutschland als Exot. Wichtigstes Anliegen aber war mir, einen Beitrag zu leisten, daß sich die Gräben zwischen Ost und West nicht weiter vertiefen, sondern allmählich überwunden werden. Damit bin ich auf viel Zustimmung gestoßen.

NTI: Vor der Abstimmung in der Bundesversammlung zeigten Sie sich recht optimistisch, daß Sie gewählt werden. Im nachhinein: War das Zweckoptimismus? Schließlich ergab die Wahl das erwartete Ergebnis.

SCHIPANSKI: Diese Nominierung bot vor allem die einmalige Chance, einer breiten Öffentlichkeit andere, ostdeutsche Sichtweisen darzulegen und auf diese Weise mehr Einfluß auf die Meinungsbildung in Ost- und Westdeutschland zu nehmen. Das war für mich das Entscheidende, und das wurde schließlich auch in der Bundesversammlung anerkannt, wie das Abstimmungsergebnis belegt, das mir einen Achtungserfolg brachte. Denn auch eine Reihe Wahlmänner und -frauen aus den anderen Lagern hatten für mich gestimmt.

NTI: Sie wollten, so war damals in der NTI zu lesen, „ein Stück mehr Ehrlichkeit in die Politik bringen.“ Ist die Politik seitdem auch ohne eine Bundespräsidentin Schipanski „ehrlicher“ geworden?

SCHIPANSKI: Politik unterliegt besonderen Bedingungen, zu denen neben Durchsetzungsvermögen und Strahlkraft auch Ehrgeiz und Machtstreben gehören. Sie verleiten oftmals dazu, vor Wahlen mehr zu versprechen, als hinterher eingehalten werden kann. Das stößt naturgemäß auf Unverständnis und in der Folge auf die viel beklagte Politikverdrossenheit. Da hilft nach meinem Dafürhalten nur eins: Gesetze müssen mit und für die Bevölkerung gemacht werden. Was wiederum voraussetzt, daß die Politiker immer aufs neue den Dialog mit den Bürgern suchen müssen.

NTI: Was hat Sie, eine namhafte Naturwissenschaftlerin, damals überhaupt in die Politik getrieben?

„Ich konnte viele neue Akzente setzen“, als  „Frau des Jahres 1999“ ausgezeichnete Prof. Dagmar Schipanski. (FOTO Andreas Kühn)SCHIPANSKI: 40 Jahre DDR hatten ihre Spuren hinterlassen. Wir lebten sehr zurückgezogen und haben die Zustände im Land nur hinter vorgehaltener Hand kritisiert. Auf einmal taten sich ganz neue Möglichkeiten auf. Ich sah mich nun in der Pflicht: Wenn sich die Verhältnisse ändern, dann gestalte ich mit. Ich wollte den Neuaufbau nicht anderen überlassen. Daß daraus dann eine Kandidatur für das höchste Staatsamt der Bundesrepublik und schließlich zehn Jahre Landespolitik wurden, war natürlich nicht abzusehen.

NTI: Als Sie CDU und CSU 1999 nominierten, waren Sie parteilos. Sie sind es nicht geblieben? Warum?

SCHIPANSKI: Ich bin 2000 in die CDU eingetreten, zu einem Zeitpunkt, als die Spendenaffäre die Partei erschütterte. Die CDU und ihr damaliger Kanzler, Helmut Kohl, haben die Wiedervereinigung auf den Weg und den Reinigungsprozeß enorm vorangebracht. Das gab für mich den Ausschlag. Mit meinem Beitritt wollte ich ein Zeichen setzten.

NTI: Nach der gescheiterten Präsidentenwahl haben Sie in der CDU Karriere gemacht. Sie wurden in Thüringen Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst und rückten kurz darauf in der CDU zum Mitglied des Präsidiums auf. War das der Dank dafür, daß Sie sich auf das „Abenteuer“ eingelassen hatten?

SCHIPANSKI: So sehe ich das nicht. In jedem Falle gingen den politischen Ämtern demokratische Wahlen voraus. Bei den CDU- Präsidiumswahlen im Jahr 2000 zum Beispiel erzielte ich sogar ein besseres Ergebnis als der damalige Vorsitzende, Wolfgang Schäuble. Ein Beweis mehr, daß ich in den zahllosen Gesprächen und Veranstaltungen während meiner Kandidatenzeit den richtigen Ton getroffen hatte. Ich habe damals viele zustimmende Briefe erhalten und werde noch heute bei Begegnungen, in den alten Ländern, beispielsweise in Bayern, herzlich begrüßt.

„Der Freistaat hat sich als Wissenschafts- und Wirtschaftsland etabliert“, damalige thüringische Wissenschaftsministerin Dagmar Schipanski (CDU) bei der Verleihung des Thüringer Innovationspreises 2001. (FOTO Andreas Kühn)NTI: Sie wären das erste Staatsoberhaupt aus dem Osten gewesen. 15 Jahre später haben wir mit Joachim Gauck den ersten ostdeutschen Bundespräsidenten. Tut er das, was Sie in seiner Funktion auch getan hätten?

SCHIPANSKI: Sein Auftreten entspricht voll und ganz dem, was ich denke und wie ich wohl auch agiert hätte. Joachim Gauck setzt mit seinen eindrucksvollen Reden Zeichen. In ganz Deutschland wie in Israel oder in der Ukraine. Ich kann uns Deutschen nur zu diesem Bundespräsidenten gratulieren.

NTI: Sie seien, so sagten Sie damals der NTI, angetreten, weil Sie das Gefühl hatten, „daß die Gräben zwischen Ost und West wieder tiefer zu werden“ drohten. Wie tief sind die Gräben heute noch? SCHIPANSKI: Das ist, glaube ich, eine Generationenfrage. Die Kriegsgeneration ist weitgehend ausgestorben; die Nachkriegsgeneration mit ihren unterschiedlichen Erfahrungen im Osten und im Westen dominiert. Und junge Leute haben nach meinen Beobachtungen heute hüben wie drüben ähnliche oder gleiche Anschauungen. Ältere Menschen beurteilen ihre Situation allerdings unterschiedlich; vor allem, wenn ihre persönlichen Pläne im Zuge des gesellschaftlichen Umbruchs scheiterten. Kein Verständnis habe ich allerdings für die, die gut verdienen, ein Haus besitzen, jedes Jahr eine große Reise unternehmen und trotzdem meckern und noch weniger für die, die die DDR heute glorifizieren.

NTI: Wir haben Sie im April 1999 gefragt, was Sie machen, falls Sie nicht Bundespräsident werden. Ihre Antwort: „… dann bleibe ich an meinem Arbeitsplatz in der Technischen Universität Ilmenau.“ Noch im gleichen Jahr haben Sie, was viele erwartet hatten, Ihre Vorsätze über den Haufen geworfen. Was gab den Ausschlag?

SCHIPANSKI: Es waren vor allem die Chancen, die sich der Wissenschaftlerin jetzt boten. Sie konnte in ihrer Heimat Thüringen umsetzen, was sie als Mitglied und als Vorsitzende des Wissenschaftsrates der Bundesrepublik intensiv vorangetrieben hatte. Der Wissenschaftsrat hatte seinerzeit alle Universitäten und Hochschulen in Ostdeutschland evaluiert, der Politik Empfehlungen für die Neustrukturierung geliefert und Standorte für neue Wissenschaftseinrichtungen wie Fraunhofer- und Marx-Planck-Institute bestimmt. Wir haben damals um jedes Institut gekämpft, den Hochschulbau und die inhaltliche Erneuerung der Hochschulen vorangetrieben. Diese Arbeit nun als Mitglied der Landesregierung fortzusetzen, hat mich gereizt. Da konnte ich nicht nein sagen.

NTI: Zehn Jahre an herausragender Stelle Landespolitik in Thüringen, erst als Ministerin, dann als Landtagspräsidentin. Welche Erinnerungen haben Sie an beide Ämter?

SCHIPANSKI: Beide Ämter habe ich sehr gerne ausgefüllt. Vom Beruf her lag mir das Ministeramt näher, weil es die Verbindung zu meiner ursprünglichen wissenschaftlichen Tätigkeit aufrechterhielt. Außerdem befanden sich Wissenschaft und Forschung in Thüringen noch in der Aufbauphase. Ich konnte viele neue Akzente setzen und unsere Vorhaben in die gesamtdeutsche Wissenschafts- und Forschungslandschaft einbinden. Das Amt der Landtagspräsidentin, das sich anschloß, war auf andere Weise hoch interessant. Es ging vor allem darum, im Hohen Haus ein gutes Miteinander und eine gute Gesprächskultur zu gewährleisten. Außerdem lag mir viel daran, jungen Menschen den Parlamentarismus näherzubringen. Ich habe Schulklassen eingeladen, Wettbewerbe unter Schulen initiiert und Jugendliche im Landtag debattieren lassen: alles Dinge, die auch heute noch praktiziert werden.

NTI: Als Ministerin hatten Sie auch die Thüringer Kultur zu verantworten. Wie fällt Ihre Bilanz hier aus?

SCHIPANSKI: Auch auf kulturellem Gebiet ist Thüringen in diesen fünf Jahren gut vorangekommen. Die Arbeit hat ebenfalls viel Spaß bereitet, emotional haben mich die vielfältigen Veranstaltungen mit Chören, Trachten- und Theatergruppen, das vielfältige Engagement der Menschen unseres Landes besonders angesprochen. Eine Ausnahme war die Veränderung der Theaterlandschaft. Ich war Verfechterin einer engen Zusammenarbeit zwischen den Theatern in Weimar und Erfurt. Die Fusion beider war – und ist in meinen Augen auch heute noch – der beste Weg, beiden Häusern überregionale Strahlkraft zu verleihen. Diese Einsicht scheint 15 Jahre später endlich auch zu greifen. Damals war in Erfurt wie in Weimar so gut wie keine Kooperationsbereitschaft vorhanden. Ich wurde für meine Pläne zum Teil aufs übelste beschimpft.

NTI: Was hat Bestand aus Ihrer Ministerzeit?

SCHIPANSKI: Sehr viel. Die Kulturlandschaft, die in wenigen anderen Bundesländern so vielfältig ist wie in Thüringen. Die Forschungseinrichtungen, die mit Spitzenleistungen auf ihren Gebieten aufwarten. Die Universitäten und Hochschulen, die von Jahr zu Jahr mehr Studenten aus allen Teilen der Bundesrepublik anlocken. Damals wurden wichtige Entscheidungen getroffen, wobei ich sagen muß, daß mir meine Vorgänger, Dr. Gerd Schuchardt und Dr. Fickel, ein zum Teil bereits gut bestelltes Feld hinterlassen hatten.

NTI: 2009 haben Sie der aktiven Politik den Rücken gekehrt. Was füllt Ihre Tage heute aus?

SCHIPANSKI: Mir sind aus meiner aktiven Zeit in Politik und Wissenschaft eine Reihe Ehrenämter geblieben, in die ich viel Zeit investiere. Unter anderem gehöre ich weiterhin dem CDU-Bundesvorstand an und engagiere mich als Vorsitzende des Förder- und Freundeskreises der TU Ilmenau nach wie vor für meine Heimat-Universität. Hinzu kommen zahlreiche Vorträge zu Themen, die mir besonders am Herzen liegen: vor allem Europa, die Einheit Deutschlands und die Chancengleichheit für Frauen und Bedeutung der Wissenschaft. Außerdem bin ich Mitglied im Beirat Europa der Berlin-Brandenbur gischen Akademie der Wissenschaft und gehöre dem Präsidium der Niedersächsischen Technischen Hochschulen an …

NTI: Niedersächsische Technische Universitäten, was verbirgt sich dahinter?

„Ich wollte ein Zeichen setzen“, parteilose Dagmar Schipanski auf dem 12. Landesparteitag der CDU 1999 in Weimar im Gespräch mit den Christdemokraten Bernhard Vogel und Christine Lieberknecht. (FOTO Andreas Kühn)SCHIPANSKI: Dabei handelt es sich um eine Kooperation der universitären Einrichtungen in Hannover, Braunschweig und Clausthal-Zellerfeld. In alle drei Standorte fließt Jahr für Jahr viel Geld; ihre Strahlkraft in Deutschland und Europa aber ist nach eigener Einschätzung noch zu gering. Das wollen die Beteiligten ändern. Deshalb die Kooperation. Ähnliches wünschte ich mir auch für Thüringen. Wir haben das zu meiner Zeit zwar angestoßen, doch fehlt es hier auch Jahre später noch an der notwendigen Kooperationsbereitschaft.

NTI: Verfolgen Sie die Thüringer Politik noch?

SCHIPANSKI: Sehr aufmerksam, aber mit der gebotenen Distanz.

NTI: Wie schätzen Sie die Arbeit der CDU/SPD-Regierung in den vergangenen fünf Jahren ein?

SCHIPANSKI: Thüringen ist auf seinem guten Weg konsequent weitergegangen, was sich wohl am eindrucksvollsten im Rückgang der Arbeitslosigkeit wider- spiegelt. Eine Quote um die sieben Prozent – das ist Spitze in Ostdeutschland und kann sich auch im Vergleich zu den alten Bundesländern sehen lassen. Der Freistaat hat sich als Wissenschafts- und Wirtschaftsland etabliert. Er gewinnt – zum Beispiel – auch als touristisches Ziel zunehmend an Zugkraft, obwohl in dieser Hinsicht noch einiges mehr passieren könnte. Gute Gründe also, auf diesem Weg fortzuschreiten. Die Koalition aus CDU und SPD hat das getan; sie war in diesen fünf Jahren ein gute Lösung für Thüringen, auch wenn die Profilierungs- sucht einzelner negative Spuren hinter- lassen hat.

NTI: Ihre Parteifreundin, Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht, hatte mit ihren Personalentscheidungen in den vergangenen Monaten nicht immer eine glückliche Hand. Das Ansehen der Landesregierung hat stark gelitten. Was muß geschehen, damit die CDU weiterhin die bestimmende Kraft im Freistaat bleibt?

SCHIPANSKI: Die CDU muß Glaubwürdigkeit zurückgewinnen und ihre Verankerung im Volk festigen. Ansonsten erlaube ich mir ein Urteil nur, wenn ich mit den Leuten persönlich darüber gesprochen habe. Das ist in diesem Fall bisher noch nicht geschehen.

NTI: Die Bildungspolitik in Thüringen, für die in den vergangenen fünf Jahren SPD- Landeschef Christoph Matschie verantwortlich war, lieferte zum Teil heftigen Diskussionsstoff. Aus der Sicht der einstigen Ilmenauer Rektorin: Sind Thüringens Hochschulen für die Anforderungen des nächsten Jahrzehnts gut aufgestellt?

SCHIPANSKI: Die Thüringer Hochschulen und die gesamte Wissenschaftslandschaft sind gut aufgestellt, aber sie haben – wie ihr Abschneiden bei der letzten Exzellenzinitiative zeigte – ihre Möglichkeiten noch nicht voll ausgeschöpft. Stärkere Kooperation und Zusammenarbeit zwischen allen Partnern ist erforderlich. Der heftigste Diskussionsstoff bei der Bildung lag bei den Schulen. Hier hilft inhaltlich nur die Einhaltung der Bildungsstandards weiter, die schon 2002, als ich Präsidentin der KMK war, verabschiedet wurden. Die Länder sollten sich an ihre damalige Vereinbarung halten, da sie die Bildungshoheit besitzen. Man muß internationales Niveau erreichen.

NTI: Was sollte sich Ihrer Ansicht nach ändern?

SCHIPANSKI: Mit der Aufhebung des Kooperationsverbotes wurde ein wichtiger Schritt schon getan. Wer das Bildungswesen mitfinanziert, muß auch mitbestimmen dürfen. Die Hochschulen haben sich ständig an internationalen Standards zu orientieren. Also müssen auch für die Schulen allgemein verbindliche Standards durchgesetzt werden – zum Beispiel: Welche Fertigkeiten und Fähigkeiten sollen erreicht werden? Und welches Grundwissen ist zu vermitteln? Die Bildungsinhalte müssen verändert werden. Darüber sollten wir diskutieren und nicht vordergründig – wie es in Thüringen geschieht – über Schultypen streiten.

NTI: Wie beurteilen Sie den Zustand Ihrer einstigen Wirkungsstätte, der TU Ilmenau, deren Entwicklung Sie viele Jahre maßgeblich mitbestimmten?

SCHIPANSKI: Toll, die TU Ilmenau präsentiert sich im 25. Jahr der deutschen Einheit nahezu in Bestzustand. Ich habe das Bild, das der Ehrenberg, der Campusberg unserer Universität, Anfang der 90er Jahre bot, noch in bester Erinnerung: ein leeres Gelände bis auf drei Altbauten, die in den 60er Jahren errichtet worden waren. Heute ist das Areal voll bebaut. Unter anderem wurden neue Hörsaal- und Fakultätsgebäude, eine Turnhalle errichtet. Besonders stolz bin ich auf den Feymannbau, in dem interfakultative und interdisziplinäre Forschungsgruppen mit bester gerätetechnischer Ausstattung arbeiten. Wir sind heute ein deutschlandweit akkreditiertes Referenzzentrum für Nanosysteme, davon träumte ich 1995, als der Bau gegen viele Widerstände durchgesetzt wurde. Außer- dem: Die Studentenzahlen steigen. Die neuen Studiengänge, insbesondere die Medienstudiengänge, werden phantastisch angenommen. Die Wirtschaft ist voll des Lobes und reißt sich um unsere Absolventen. Kurz gesagt: Die TU ist das beste Aushängeschild für Ilmenau.

NTI: Wagen Sie eine Prognose über den Ausgang der Landtagswahl am 14. September? Und welche Koalition wäre nach Ihrer Auffassung die beste für Thüringen?

SCHIPANSKI: Auf hypothetische Fragen gebe ich keine Antworten. Aber ich wünschte mir, daß das Ministerium, das derzeit Bildung, Wissenschaft und Kultur verantwortet, wieder getrennt wird: in ein Ministerium für Wissenschaft und Forschung und in ein Kultusministerium, wie es zu meiner Zeit bestand. Das war eine gute Lösung.

 

Mit der früheren Thüringer Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Prof. Dr. Dagmar Schipanski, sprach KLAUS RANGLACK.

 

 

 

Zur Person        

Dagmar Schipanski, Jahrgang 1943, wurde in Sättelstädt nahe Eisenach geboren und ist in Ilmenau aufgewachsen. Nach dem Abitur (1962) studierte sie in Magdeburg Angewandte Physik (Abschluß als Dipl.- Ing. 1967) und schlug danach an der Technischen Hochschule Ilmenau eine wissenschaftliche Laufbahn ein, die 1996 mit der Wahl zur Vorsitzenden des Wissenschaftsrates Deutschland gekrönt wurde, dem Beratungsgremium der Bundesregierung und der Länderregierungen in wissenschafts- politischen Fragen.

1972 absolvierte Dagmar Schipanski ein Zusatzstudium am Institut für Halbleiter an der Akademie der Wissenschaften der UdSSR in Novosibirsk; 1976 promovierte sie und 1985 habilitierte sie sich in ihrem Spezialgebiet, der Festkörperelektronik, in dem sie im Laufe ihrer universitären Tätigkeit zahlreiche wissenschaftliche Veröffentlichungen erarbeitete und auch Entwicklungen zum Patent anmeldete.

1990 wurde sie als Professorin berufen, war dann bis 1993 Dekanin der Fakultät für Elektro- und Informationstechnik und danach bis zu ihrer Wahl als Rektorin ein Jahr Prorektorin für Bildung. 1996 wählte sie der Wissenschaftsrat der Bundesrepublik Deutschland, dem sie seit 1992 angehörte, für eine zweijährige Amtszeit zur Vorsitzenden. 1999 wechselte sie in die Politik. Seit 2011 ist sie Rektorin des Studienkollegs zu Berlin.

In der politischen Wende saß Prof. Dagmar Schipanski mit am runden Tisch der Hochschule und nahm hier maßgeblichen Einfluß auf die demokratische Umgestaltung der Ilmenauer Hochschule und auf deren Profilierung zu einer Technischen Universität. 1999 nominierten CDU und CSU die Parteilose für die Wahl zum Bundespräsidenten, in der sie gegen das spätere Staatsoberhaupt Johannes Rau (SPD) einen Achtungserfolg erzielte. Noch im gleichen Jahr holte sie Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel als Ministerin

 

NTI 5/2014

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