„Ich mische mich gern ein“

Ruheständlerin Irene Ellenberger, „14 Jahre Politik waren eine aufregende und sehr anstrengende Zeit.“ (FOTO Klaus Ranglack)Über die Landesliste der SPD zog die Architektin Irene Ellenberger im Herbst 1990 in den ersten Thüringer Nachwende-Landtag ein und gehörte dem Parlament dann 14 Jahre an. Während der CDU/SPD-Koalition von 1994 bis 1999 war sie Ministerin für Soziales und Gesundheit. Was ist aus dieser Zeit geblieben? NTI bat die Sozialdemokratin 15 Jahre später noch einmal um ein Interview.

Das ist selten in dieser schnellebigen Zeit: vier Generationen an einem Tisch. Als sie und ihr Mann das neue Heim am Weimarer Stadtrand bauten, zog auch der Sohn mit seiner späteren Frau ein. Beide haben inzwischen zwei Kinder. Siebente im Familienbund ist die 92jährige Mutter. Vor Jahren kam sie aus Blankenburg nach Weimar und fand später nach einem Schlaganfall gleich um die Ecke im Seniorenheim eine neue Bleibe. Wenn sie alle zusammenkommen – und das ist häufiger der Fall –, dann ist das für Irene Ellenberger stets ein besonderer Glückstag.

 

NTI: Frau Ellenberger, Sie sind 2004 aus dem Thüringer Landtag ausgeschieden, obwohl bis zum Beginn des Ruhestandes noch einige Jahre fehlten. Warum?

ELLENBERGER: Ich war damals gesundheitlich ziemlich angeschlagen, und ich wollte Abstand gewinnen. Aber auch die Tatsache, daß politische Weggefährten wie Gerd Schuchardt oder Frieder Lippmann zum gleichen Zeitpunkt aufhören wollten, hat eine Rolle gespielt. Wir waren im Laufe der Zeit gute Freunde geworden, die auch heute noch engen Kontakt halten ...

Thüringer Koalitionäre Irene Ellenberger (SPD) und Franz Schuster (CDU) im Landtag, „Verbund auf Zeit.“ (FOTO Dieter Schmidt)NTI: ... und jährlich einmal – wie wir von Frieder Lippmann*) wissen – sogar mit ihrem einstigen Chef von der CDU­Konkurrenz auf Wanderschaft gehen.

ELLENBERGER: Ja, Bernhard Vogel war schon häufiger da. Er fühlt sich offensichtlich wohl in unserer Mitte.

NTI: Nach Ihrem Ausscheiden  aus dem Landtag wurde es beinahe schlagartig ruhig um Ihre Person. Waren Sie enttäuscht, verbittert oder haben Sie nach der Wahlschlappe von 2004 resigniert?

ELLENBERGER: Weder – noch. 14 Jahre Politik – das war eine aufregende, aber auch eine sehr anstrengende Zeit, in der vieles andere zu kurz gekommen ist. Das wollte ich ändern und mit der Familie nachholen, wozu wir nicht gekommen waren.

NTI: Im NTI­Interview sagten Sie damals, ein knappes Jahr vor dem Wahltag 1999, daß Sie gern als Ministerin weitermachen wollten. Aber nicht um jeden Preis ...

ELLENBERGER: Ich war gern Ministerin und hätte die Arbeit auch gern fortgeführt. Das Wahlergebnis von 1999 war dann ein ziemlicher Tiefschlag. Ich bin auch heute noch davon überzeugt, daß wir, die Minister der SPD und unsere Fraktion, keine schlechte Arbeit geleistet haben und ein bißchen zu Unrecht wieder in die Opposition verwiesen wurden. Es sollte eben nicht sein.

NTI: Wie tief sitzt der Stachel noch?

ELLENBERGER: Damals war ich schon sehr enttäuscht. Aber das ist vorbei. Ich verspüre heute weder Wehmut noch Bedauern. Alles hat seine Zeit. Und 1999 ist lange her. Ich erinnere mich, daß ich eine Woche nach der Abwahl sogar ein Aha­Erlebnis hatte. Wir machten Urlaub an der Ostsee, als ein Leberwurst­Skandal die Gemüter erhitzte. Da war ich geradezu erleichtert, nicht mehr im Amt zu sein. Denn als Gesundheitsministerin hätte ich sicher jede Menge Hiebe einstecken müssen, auch wenn ich nicht zu den Verursachern des Problems gehörte.

NTI: Mit dem Wissen von heute: Was hat Ihre Partei damals falsch gemacht?

Sozialdemokratischer „Alleingänger“ Richard Dewes, zur Vereidigung als Thüringer Justizminister im Dezember 1994, „Ein bißchen zuviel Egoist.“ (FOTO Dieter Schmidt)ELLENBERGER: Der parteiinterne Streit dürfte den Ausschlag gegeben haben. Und hier vor allem die Alleingänge eines Richard Dewes, damals Innenminister. Er war nicht nur für meinen Geschmack ein bißchen zuviel Egoist und hat mit dem, was er sagte und tat, nicht immer an die Partei gedacht. Viele Wähler haben das erkannt. Schon im Wahlkampf war das zu spüren. Ich hatte bereits in dieser Phase kein gutes Gefühl, anders als fünf Jahre zuvor, als uns viel Sympathie entgegenschlug. Die Menschen mögen keine Partei, in der sich vorwiegend gestritten wird.

NTI: Seit 2009 gibt es in Thüringen wieder eine CDU­SPD­Koalition. Deren Arbeit ist, mehr noch als zu Ihrer Zeit, von zum Teil heftigen Auseinandersetzungen geprägt. Befürchten Sie 2014 ein ähnliches Desaster wie damals?

ELLENBERGER: Auch in der Politik kann nicht immer alles glattgehen. Eine Koalition ist ein Verbund auf Zeit, der unterschiedliche Meinungen allerdings nicht aufhebt. Die Art und Weise, in der sie zwischen beiden Partnern derzeit ausgefochten werden, findet zwar auch nicht immer meine Zustimmung, sie ist aber von anderer Qualität als damals. Das läßt mich auf ein besseres Abschneiden im Herbst 2014 hoffen. Bis dahin ist ja auch noch Zeit, um das eine oder andere besser zu machen.

NTI: Wovor sollte sich Ihre Partei vor allem hüten?

ELLENBERGER: Die Spitzen der Partei müssen zusammenhalten, zusammenarbeiten und das nach außen hin auch sichtbar machen. Dabei sollten sie populistische Themen meiden und sich auf Sachfragen konzentrieren, die die Entwicklung Thüringens vorantreiben. Im Grunde passiert das auch. Die SPD­Minister im Kabinett Lieberknecht leisten gute Arbeit, vor allem Bildungsminister Christoph Matschie. Aber davon dringt zu wenig in die Öffentlichkeit.

Irene Ellenberger im Sommer 1995 als Thüringer Ministerin für Soziales und Gesundheit - heftigste Proteste heraufbeschworen. (FOTO wst-Archiv)NTI: Parallelen gibt es auch, was die handelnden Personen angeht. Damals lagen Vize­Regierungschef Gerd Schuchardt und Innenminister Richard Dewes zeitweise im Clinch, heute scheinen sich Christoph Matschie und Wirtschaftsminister Matthias Machnig oftmals nicht einig zu sein. Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage der SPD in der Koalition?

ELLENBERGER: Ich bin nicht nahe genug dran, um das wirklich beurteilen zu können. Die Medien vermitteln den Eindruck, als sei das Verhältnis der beiden SPD­Männer etwas unterkühlt. Ich hoffe, der Schein trügt. Schließlich: Die 90er Jahre haben gezeigt, wie wichtig Geschlossenheit in der Parteiführung ist. Das dürfte beiden klar sein. Schon von daher ist die augenblickliche Situation mit der von damals nicht vergleichbar. Vielleicht kommen die beiden auch persönlich nicht so oft zusammen, um sich auszutauschen. Jedenfalls sollte man nicht alles für bare Münze nehmen, was in den Zeitungen steht.

NTI: Da steht auch drin, daß es innerhalb der Thüringer CDU knirscht ...

ELLENBERGER: ... und wenn man den Berichten glauben kann, dann noch viel heftiger als in der SPD. Vor allem die Differenzen zwischen der Regierungschefin und ihrem Fraktionsvorsitzenden werden immer deutlicher. Das macht die Arbeit in der Koalition nicht leichter. Unter Bernhard Vogel lief das anders. Der hat seine Linie durchgehalten; er hat Gespräche geführt und war immer um einen Konsens bemüht. Öffentliche Auseinandersetzungen, wie wir sie jetzt erleben, gab es damals nicht.

NTI: Wenn Sie noch einmal von vorn beginnen könnten: Was würden Sie anders machen?

ELLENBERGER: Beruflich? Das weiß ich so genau gar nicht mehr. Vielleicht würde ich heute Ärztin werden. Aber damals paßten die Zulassungsbestimmungen nicht. Einen Wunsch hatte ich allerdings: Ich wollte unbedingt nach Weimar. Und Weimar bot der Abiturientin, die eine gute Schülerin war, auch zwei Möglichkeiten: Architektur und Bauwesen oder Musik. Für die Musik reichte das Talent nicht. Für die Architektur gab es dagegen gute Voraussetzungen. Mein Vater war Diplom­Bauingenieur. Er riet mir zu. Und half mir dann auch weiter.

Sozialdemokraten Irene Ellenberger und Rudolf Scharping im Wahlkampf 1994, „Ich wollte unbedingt nach Weimar.“ (FOTO Dieter Schmidt)NTI: Sie haben zunächst aber eine Maurerlehre absolviert: für eine Frau auch heute noch ein eher gemiedener Beruf?

ELLENBERGER: Ich haben zwar die Aufnahmeprüfungen in Weimar bestanden, wurde aber mit meinen 17 Lenzen als zu jung befunden. Mein Vater verhalf mir zu einer Lehrstelle, was nicht so leicht war. Denn Frauen waren damals auf dem Bau erst recht verpönt. Aber alles ging gut. Es war im nachhinein betrachtet keine schlechte Zeit. Ich habe viel gelernt. Und ich wußte ja auch, daß ich das nicht ewig machen muß.

NTI: Sie waren zu DDR­Zeiten eine unpolitische Frau: Was veranlaßte Sie, 1990 den Beruf zu wechseln?

ELLENBERGER: Ich mische mich eigentlich gern ein. Zu DDR­ Zeiten habe ich es versucht, bin damit aber schon beim ersten Mal und noch dazu mit einer ziemlich belanglosen Sache auf die Nase gefallen und fortan eine „unpolitische“ Frau geblieben. Mit der Wende änderte sich das. Jetzt durfte, jetzt sollte man sich einmischen. Ich schloß mich dem Neuen Forum an. Dort tat sich jedoch nichts. Und als Edelbert Richter**) und andere im Herbst 1989 in der Herderkirche für die SPD warben, habe ich mich gleich entschlossen, einzutreten. Ich wollte mich um Weimar kümmern. Wie und was – das war mir damals nicht so recht klar. Aber die SPD mußte es sein. Vorbild war für mich vor allem Willy Brandt, der gerade auch wegen seiner Ostpolitik für viele der politische Hoffnungsträger in dieser Umbruchzeit war.

NTI: Vom Maurer über die Arbeit als Planungsingenieur zur Sozialministerin. Wie geht das?

ELLENBERGER: Damals ahnte ich nicht, was auf mich zukommen würde. Die Architektur war in der DDR ein Stiefkind, vor allem der Industriebau war an Eintönigkeit kaum noch zu überbieten. Das zu ändern – dazu fühlte ich mich als Architektin herausgefordert. Nie hatte ich vorher auch nur einen Augenblick daran gedacht, Berufspolitikerin zu werden.

NTI: Was Sie dann aber wurden ...

ELLENBERGER: Als die Thüringer SPD ihre Kandidaten für die Volkskammerwahl im März 1990 benennen wollte, kam man auf mich zu. Wir brauchen auch einige Frauen, wegen der Quote, begründete der Vorstand. Nur wegen der Quote? Das wollte ich nun auch wieder nicht. Aber die Familie redete mir zu und ich kandidierte. Am Beginn des Listenparteitags im damaligen Bezirk Erfurt stand ich auf Platz 13. Nach der Abstimmung war es der zweite Platz und damit der sichere Einzug in die letzte Volkskammer der DDR. Die nächsten Schritte folgten dann fast wie von selbst.

NTI: Aber Gesundheit und Sozialwesen, für die Sie später fünf Jahre Verantwortung in Thüringen trugen, waren der Architektin doch weiterhin fremd?

ELLENBERGER: Nach dem aufregenden und stressigen halben Jahr als Volkskammerabgeordnete, in dem so viel passierte wie nie zuvor in meinem Leben, wurde ich in den Landtag gewählt und habe dort vier Jahre den Sozialausschuß geleitet. Das war, wenn Sie so wollen, meine Lehrzeit und die beste Vorbereitung auf das Ministeramt. Gesundheitspolitik zum Beispiel ist ein sehr komplexer und komplizierter Bereich. Er wird weitgehend durch Bundesgesetzgebung bestimmt. Es kam also auch darauf an, die Vorgaben des Bundes in Thüringen umzusetzen. Das ist dank guter Mitarbeiter, gesunden Menschenverstandes und Entscheidungswillens dann auch weitgehend gelungen.

Thüringer SPD-Fraktionskollegen Irene Ellenberger und Gerd Schuchardt, „In Laufe der Zeit gute Freunde geworden.“ (FOTO Dieter Schmidt)NTI: Können Sie sich noch an Ihre erste Maßnahme als Ministerin erinnern?

ELLENBERGER: Nicht genau. Aber eine der ersten und einschneidendsten Maßnahmen war die Evaluierung des Medizinal­, Lebensmittel­ und Veterinär­Untersuchungsamtes, zuständig für Verbraucherschutz, das damals auf drei Standorte verteilt war. Das Vorhaben war mit einer erheblichen Reduzierung der Mitarbeiterzahlen verbunden. Wir haben damals zwar für eine angemessene Personalausstattung gekämpft, eine Reduzierung – wenn auch nicht in der ursprünglich geplanten Zahl – war aber unvermeidlich. Das hat heftigste Proteste heraufbeschworen. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, wie schwer so ein Ministeramt sein kann.

NTI: Sie seien, sagten Sie damals der NTI, im „Bereich Gesundheitspolitik im Grunde relativ unbeeinflußt“ geblieben. Mit anderen Worten: Der Koalitionspartner CDU redete Ihnen nicht groß rein. Sehen Sie das heute auch noch so?

ELLENBERGER: Natürlich gab es Diskussionen. Doch ich kann nicht klagen. Ich bin mit meinen Vorlagen letztlich immer gut aus dem Kabinett herausgekommen. Zum Beispiel mit der Krankenhausplanung. Sie hat sich als fachlich richtig erwiesen, wenngleich sie unter den Betroffenen oft viel Unmut und sogar Streiks auslöste. Das trifft analog auf weitere Politikfelder zu, unter anderem auf die Entschädigung von Zwangsausgesiedelten: 4000 D­Mark für jeden, der nach dem Krieg die angestammte Heimat im Osten verlassen mußte. Kein anderes ostdeutsches Land hat meines Wissens diese Entschädigung gewährt. Oder das Arbeitsmarktprogramm, in das erhebliche Mittel flossen, die vor allem älteren Arbeitnehmern, Jugendlichen und Frauen zugute kamen. Ohne dieses Programm hätte damals die Arbeitslosigkeit in Thüringen noch ganz andere Ausmaße angenommen.

NTI: Stichwort Krankenhausplanung: Bis 2010, so urteilten Sie damals im NTI­Interview, werde es dauern, bis auch die bauliche Substanz der Thüringer Krankenhäuser Westniveau erreicht habe. Ihr Eindruck: Wurde dieses Ziel erreicht?

ELLENBERGER: Die Maßnahmen, die durch das Krankenhausfinanzierungsprogramm getragen wurden, waren in der Tat bis dahin erledigt. Inzwischen muß wohl schon wieder über Sanierungsmaßnahmen geredet werden.

Für eine SPD-Spitzenkandidatur ins Gespräch gebrachte Sozialpolitikerin Heike Taubert, „Viele gute Leute.“ (FOTO Andreas Kühn)NTI: Als Ministerin gehörte die Suchtprävention zu den Schwerpunkten Ihrer Arbeit. Der jüngste Suchtbericht der Bundesregierung alarmierte die Öffentlichkeit. Jeder Bundesbürger trinke jährlich soviel Alkohol, daß man damit eine Badewanne füllen könnte. War Ihr Einsatz vergeblich?

ELLENBERGER: Wenn man die Zahlen betrachtet, dann könnte dieser Eindruck entstehen. Zu meiner Zeit hatten wir ein Suchtprävention­Programm, das sich vor allem an Jugendliche richtete. Es lief ein Projekt, das über die Gefahren aufklärte, die der Konsum von Alkohol mit sich bringt. Später wurde, so scheint mir, der Fokus stärker auf illegale Drogen gerichtet. Alkohol und auch Tablettenmißbrauch traten als Droge vielleicht etwas in den Hintergrund.

NTI: Ihre Bilanz, die Sie damals in der NTI zogen, las sich gut: die ärztliche Versorgung in Thüringen sei „ausgezeichnet“, sagten Sie. Die aktuelle Situation ist eine andere. Ärztemangel, lange Wartezeiten, abgewiesene Patienten ... Was ist seit Ihrem Ausscheiden schiefgelaufen?

ELLENBERGER: Ich kann das aus der Ferne schlecht bewerten. Die Anzahl der Ärzte in Thüringen hat sich meines Wissens stetig erhöht. Offiziell besteht kein Mangel. Doch gerade auf dem Land tun sich immer größere Versorgungslücken auf. Hier wurde vielleicht zu spät gegengesteuert. Möglicher­ weise ist die Situation auch der einen oder anderen Fehleinschätzung geschuldet.

NTI: Zum Beispiel?

ELLENBERGER: Beispielsweise wollte die damalige Bundesregierung unmittelbar nach der Wende keine Zweitpraxen, die in der DDR weit verbreitet waren. Ihr Argument: Die Ärzte würden durch diesen erweiterten Patientenkreis zuviel verdienen. Ich mußte mich noch mit den letzten Schließungen auseinandersetzen. Oder die Polikliniken: Weil es im Westen keine gab, durften sie im Osten nicht sein. Inzwischen feiern sie als Ärztehäuser Auferstehung. Gleiches gilt für die Gemeindeschwestern. Erst waren sie nicht gewollt, jetzt kehren sie langsam zurück. Das hätte man alles früher erkennen können.

NTI: Was ist von Ihrer Zeit als Ministerin geblieben?

Thüringer Sozialministerin Irene Ellenberger (SPD) im August 1999 zur Einweihung der Europäischen Jugendbegegnungsstätte Weimar, „Ich hätte die Arbeit gern weitergeführt.“ (FOTO Andreas Kühn)ELLENBERGER: Zuerst natürlich Neubau und Sanierung der Krankenhäuser in Thüringen. Zu meiner Zeit wurde mit dem Neubau von vier Kliniken begonnen. Das Weimarer Krankenhaus durfte ich sogar noch einweihen. Außerdem: Wir haben die Jugendpauschale eingeführt, die zum Teil noch heute gewährt wird. Sie ist für die Kommunen eine große Hilfe, Freizeiteinrichtungen für junge Menschen zu unterhalten. Wir haben auch, was heute keiner mehr weiß, die Biathlon­Weltmeisterschaften nach Thüringen geholt und die Thüringer Sporthilfe etabliert, aus der wesentlich der Nachwuchs gefördert wird. Und auch eines meiner Lieblingsprojekte, die Europäische Begegnungsstätte in Weimar, hat Bestand. Ich freue mich immer wieder, wenn ich höre oder lese, wie groß die nationale und internationale Resonanz ist.

NTI: Wie intensiv verfolgen Sie die aktuelle Thüringer Sozialpolitik?

ELLENBERGER: Ich lese Zeitung, besuche nach Möglichkeit die Veranstaltungen meiner Partei, beschäftige mich als Vorsitzende der Thüringer Landesseniorenvertretung mit vielen sozialen Themen ...

NTI: ... und haben dabei welchen Eindruck gewonnen?

ELLENBERGER: Mein Eindruck ist, daß die Arbeit auf dem Gebiet der Gesundheits­ und Sozialpolitik kontinuierlich weitergeführt wurde, auch wenn mir nicht alles gefällt. Vieles ist inzwischen Routine geworden.

NTI: Mit Heike Taubert ist seit 2009 wieder eine Sozialdemokratin für Gesundheit, Familie und Soziales in Thüringen verantwortlich. Wie beurteilen Sie die die Arbeit Ihrer Nachfolgerin?

ELLENBERGER: Sie leistet sehr gute Arbeit. Ich kenne Heike Taubert noch aus meiner Zeit als Politikerin. Sie ist eine kluge, engagierte Frau, die nicht zum Spektakulären neigt, und sie gehörte für mich schon damals zu den Hoffnungsträgern der SPD.

NTI: Heike Taubert hat sich sogar als SPD­Spitzenkandidatin für die Landtagswahl ins Gespräch gebracht. Sollte Sie es machen? Trauen Sie ihr das zu?

ELLENBERGER: Sie hat ihre Bereitschaft signalisiert, was meines Erachtens zunächst nichts weiter aussagt, als daß es in der Thüringer SPD nicht nur einen Kandidaten gibt, sondern viele gute Leute, die eine Spitzenkandidatur ausfüllen können. Ob sie das Amt wirklich anstrebt, steht auf einem anderen Blatt. Ich traue es ihr spontan jedenfalls zu.

NTI: Bis zur Bundestagswahl sind es nur noch wenige Monate. Wagen Sie eine Prognose über den Ausgang? ELLENBERGER: Die SPD wird ihr derzeitiges Umfragetief noch überwinden, und das Thüringer Ergebnis wird besser ausfallen als 2009. Damals kamen wir auf 17,6 Prozent der Stimmen.

NTI: Welche Chancen geben Sie Peer Steinbrück noch?

ELLENBERGER: Peer Steinbrück ist ein kluger und in der SPD festverwurzelter engagierter Mann. Ich bedauere, daß er so in Mißkredit geraten ist. Zugegeben: Sein Start als Kanzlerkandidat war nicht perfekt. Er wurde zum Teil aber auch immer wieder mit unredlichen Vorwürfen konfrontiert. Seine kritische Haltung gegenüber Banken und Großkonzernen und seine Vorschläge zur Überwindung der Finanzkrise sind doch hinlänglich bekannt. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb wurde er doch zu Vorträgen eingeladen. Und die fanden doch nicht unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt. Ich hoffe, wünsche und glaube, daß Peer Steinbrück die Kurve noch kriegt.

NTI: Im Herbst 2014 wird ein neuer Thüringer Landtag gewählt. Wer sollte für die SPD als Spitzenkandidat ins Rennen gehen?

ELLENBERGER: Der Landesvorsitzende hat den ersten Zugriff. Und der Landesvorsitzende heißt Christoph Matschie. Wenn er will, soll er es machen. Vielleicht sollte er mehr aus sich herausgehen. Er arbeitet für meinen Geschmack ein bißchen zu geräuschlos und kommt meist nur in die Schlagzeilen, wenn die CDU ihn attackiert. Und die attackiert ihn meist immer dann, wenn es in ihren eigenen Reihen holpert und stolpert.

NTI: SPD­Wirtschaftsminister Matthias Machnig hält Thüringen mit einer Vielzahl politischer Vorstöße in Atem. Zuletzt schlug er eine „Dreistadt“ aus Erfurt, Weimar und Jena vor. Sie wohnen in Weimar; was halten Sie davon?

ELLENBERGER: Matthias Machnig macht seine Sache als Wirtschaftsminister gut. Aber er verkauft sie auch besser als andere; vielleicht gelegentlich sogar ein bißchen zu forsch. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, dann will er Erfurt, Weimar und Jena nicht zu einer Stadt zusammenführen, sondern die Kräfte, über die jede der drei Städte verfügt, zum Vorteil der gesamten Region bündeln. Was soll falsch daran sein? Im Gegenteil: Das ist doch sinnvoll und nützlich. Wer ihm anderes unter­ stellt, mißversteht ihn möglicherweise absichtlich. Offensichtlich war dieser Vorschlag notwendig. Die Zusammenarbeit in der sogenannten Impulsregion mit Erfurt, Weimar und Jena als Zentren scheint noch nicht so gut zu funktionieren, wie das aus Sicht des Landes möglich ist.

NTI: Wagen Sie auch über den Ausgang der Landtagswahl 2014 eine Prognose?

ELLENBERGER: Die SPD wird sich weiter verbessern.

NTI: Dies könnte dazu führen, daß Rot­Rot dann noch deutlicher vorn liegen als 2009. Was halten Sie von einer Koalition der SPD mit der Linken?

ELLENBERGER: Ich gestehe, daß ich lange Zeit nichts von einer rot­roten Koalition gehalten habe, und zwar nicht nur wegen der Vergangenheit der Linkspartei, sondern auch wegen vieler ihrer Funktionsträger, mit denen ich nicht arbeiten konnte. Die Situation hat sich aber geändert. Auf kommunaler Ebene gibt es inzwischen rot­rote Bündnisse, die funktionieren. Warum soll das nicht auch auf Landesebene möglich sein? Mit vielen Themen der Linken bin ich allerdings nach wie vor nicht einverstanden. Da muß man eben schauen, welche Gemeinsamkeiten es gibt, ob sie für eine fünfjährige Zusammenarbeit reichen und ob zwischen den handelnden Personen soviel Vertrauen vorhanden ist, daß man erfolgreich zusammenarbeiten kann. Zwar überwiegt bei mir momentan die Skepsis; ausschließen will ich es aber nicht. Im übrigen: Wenn man die CDU von ihrem Erbhof Thüringen vertreiben will, dann geht das nur gemeinsam.

Mit Thüringens ehemaliger Ministerin für Soziales und Gesundheit, Irene Ellenberger, sprach KLAUS RANGLACK.

 

Zur Person

Irene Ellenberger, Jahrgang 1946, wurde in Wernigerode geboren und ist im benachbarten Blankenburg aufgewachsen. Nach dem Abitur (1964) absolvierte sie in Wernigerode eine Maurerlehre und studierte anschließend Architektur an der Hochschule für Architektur und Bauwesen in Weimar, das sie 1971 als Diplom-Ingenieurin abschloß. 1974 stieg sie ins Berufsleben ein und arbeitete bis 1990 als Planungsingenieurin für Industriebauten in Weimar. Ihr letztes Projekt war ein Kulturhaus für Klingenthal, das jedoch nicht mehr gebaut wurde.

Mit Gleichgesinnten gründete die bis dahin Parteilose 1989 in Weimar eine SPD-Ortsgruppe, war kurzzeitig Mitglied des SPD-Bundesvorstandes und gehörte von März bis Oktober 1990 der frei gewählten Volkskammer der DDR an. Über die Landesliste der SPD gelangte sie 1990 in den ersten Thüringer Nachwende-Landtag, der sich am 14. Oktober in Weimar konstituierte. Drei Legislaturperioden folgten, ehe sie sich 2004 aus der Politik zurückzog.

In der CDU/SPD-Landesregierung von 1994 bis 1999 war Irene Ellenberger Ministerin für Soziales und Gesundheit und von 1999 bis 2004 Vizepräsidentin des Landtages und Mitglied des Ältestenrates. Nach knapp dreijähriger Auszeit schloß sie sich 2007 der SPD-Landesseniorenvertretung Thüringen an und wurde im Jahr darauf zur Vorsitzenden gewählt. In diesem Amt ist sie auch heute noch tätig. Irene Ellenberger ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und hat vier Enkel. Sie lebt in Weimar, verbringt viel Zeit im Kreis ihrer Familie und holt nach, wozu sie in 14 Jahren Politik nicht gekommen ist: vor allem lesen, reisen und Gartenarbeit.

 

NTI-Ausgabe 4/2013

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