„Ich liebe und suche Herausforderungen“

„Ich bin immer noch beim Abtrainieren.“, Pensionär Frank-Michael Pietzsch (CDU) in seinem  Arbeitszimmer in Bad Berka (FOTO Klaus Ranglack)

Dr. Frank-Michael Pietzsch war fast alles, was ein Landespolitiker in Thüringen werden kann: Abgeordneter, Ausschußvorsitzender, Minister, Landtagspräsident, Fraktionsvorsitzender. Um ein Haar hätte er 1992 sogar Ministerpräsident werden sollen. Im NTI-Gespräch zieht er ein Fazit über seine politische Laufbahn.

Die Regale in seinem Arbeitszimmer sind bis unter die Decke mit Büchern gefüllt: Fachliteratur, Nachschlagewerke, Romane. Dazwischen griffbereit eine goldglänzende Trompete. Und an der gläsernen Tür, die hinaus in den blühenden Garten führt, ein Notenständer mit einer Partitur darauf. „Ich mag Musik“, sagt Frank-Michael Pietzsch. „Als Kind in Berlin habe ich mit dem Blasen begonnen. Doch für mehr fehlte später die Zeit.“ Sie ist auch heute noch so knapp, daß der 70jährige das Instrument nur hin und wieder und zur eigenen Entspannung hervorholt.
 
NTI: Herr Pietzsch, Sie sind 2004 aus dem Thüringer Landtag ausgeschieden. Da waren Sie 62 Jahre alt und hätten eigentlich noch einmal kandidieren können. Warum haben Sie es nicht getan?
PIETZSCH: Zwölf Jahre aktive Politik in wichtigen, zeitaufwendigen Funktionen schienen mir genug. Als ich 60 wurde, habe ich meiner Frau versprochen, nach der nächsten Wahl keine führenden politischen Ämter mehr zu übernehmen. Die Frage lautete damals: zurück ins Glied treten oder ganz aufhören und „nur“ noch ehrenamtlich tätig sein? Ich habe mich für die Ehrenämter entschieden, die damals noch zahl­ reicher waren als heute, und war damit, wie sich zeigen sollte, ausreichend ausgelastet.
NTI: Seit fast zehn Jahren sind Sie nun Pensionär. Wie bekommt Ihnen der Ruhestand?
PIETZSCH: Im großen und ganzen sehr gut. Meine Frau freut sich, daß sie ihren Mann nun häufiger daheim hat, und der Mann holt nach, wozu er in den Jahren zuvor kaum gekommen ist. Ich gebe zu, daß es mir anfangs nicht leichtfiel. Manchmal wünschte ich mich schon zurück, und war dann doch wieder froh, daß ich außen vor war. Wenn man lange Zeit aktiv war, fällt es eben schwer, ganz aufzuhören. Ehrlich: Ich bin immer noch beim Abtrainieren, aber damit inzwischen sehr weit vorangekommen.
NTI: Wenn Sie heute noch einmal 20 wären: Was würden Sie anders machen?
„Die Arbeit faszinierte mich, sie forderte den ganzen Mann.“, Thüringer Landtagspräsident Pietzsch im Jahr 1996 während einer Ausstellungseröffnung im Apoldaer Glockenmuseum mit der Museumsdirektorin (FOTO Andreas Kühn)PIETZSCH: Nicht viel. Ich bin Arzt, und ich würde immer wieder Arzt werden wollen. Ob ich aber noch einmal in die Politik gehen würde, weiß ich nicht. Vermutlich nicht, obwohl die Jahre nach der Wende die aufregendste und erfüll­ teste Zeit meines Berufslebens waren. Damals bin ich ziemlich unbeabsichtigt in die Politik geschliddert. So eine Zeit kommt nicht wieder. Arzt und Politiker – das war und ist für mich kein Widerspruch. Grundanliegen beider ist es, für die Menschen Positives zu bewirken, auch wenn Politik zeitweise einen anderen Eindruck hinterläßt. Manche Akteure sind leider mehr auf Selbstdarstellung aus und gefallen sich darin, andere vors Schienbein zu treten. Leider.
NTI: 1975 sind Sie in die CDU eingetreten, eine Blockpartei, die – wie es damals hieß – unter Führung der Partei der Arbeiterklasse den Sozialismus in der DDR mitgestalten wollte. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen?
PIETZSCH: Ich habe damals sehr genau überlegt, mit Berufskollegen und unter anderem mit meinem Onkel gesprochen, der CDU­Mitglied war. Der sagte mir, daß es der SED am liebsten wäre, es gebe die CDU gar nicht. Schon vom Namen her sei sie in den Augen der Genossen ein Stachel im Fleisch des sozialistischen Aufbaus. Wenn du ein Zeichen setzen willst, daß es in der DDR noch Christen gibt, dann geh‘ in die CDU. Das hat mich überzeugt. Und ich habe dann auch ziemlich schnell festgestellt: Die wenigsten an der CDU­Basis wollten den staatlich verordneten Sozialismus aufbauen.
NTI: Viele „Blockflöten“  haben ihre Parteien in der Wendezeit verlassen. Sie nicht. Warum?
PIETZSCH: Daß ich 1989 nicht ausgetreten bin, war dem Umstand geschuldet, daß ich keine Zeit für eine Austrittserklärung fand. Ich war damals zutiefst verärgert, ja entsetzt, daß von der CDU­ Führung keine Signale für Veränderungen kamen. Erst Mitte Oktober waren aus Berlin erste vorsichtige Äußerungen zu hören. Da habe ich an den damaligen CDU­Vorsitzenden Gerald Götting geschrieben und ihn zum Rücktritt aufgefordert. Eine Antwort gab es natürlich nicht. Einige Tage später war es soweit.
NTI: Als Arzt hatten Sie in der DDR nichts auszustehen. Trotzdem haben Sie sich politisch engagiert und wurden 1985 sogar in die Stadtverordnetenversammlung von Bad Berka gewählt?
PIETZSCH: Es war die Hoffnung, daß sich etwas ändern lasse, daß dieser Staat, wenngleich in kleinen Schritten, reformiert werden könne. Für mich, der in Berlin groß geworden ist, war die Teilung Deutschlands das Widernatürlichste der Welt. Ich habe immer auf die Wiedervereinigung gehofft und vor allem in den Jahren 1987, 1988 – als die Unzufriedenheit mit dem Regime wuchs – auch tat­ kräftig Mitglieder für die CDU geworben, weil ich der Meinung war, daß eine Zeit kommen werde, in der es wichtig ist, daß es neben der SED eine Kraft gibt, demokratische Strukturen aufzubauen. Denn es war absehbar: So konnte es in der DDR nicht weitergehen.
NTI: Der Einfluß der Stadtverordnetenversammlung auf den Gang der Dinge war allerdings mehr als begrenzt ...
PIETZSCH: Im Stadtrat habe ich versucht, meine Meinung einzubringen. Als Arzt durfte ich mir das erlauben, ohne gleich Konsequenzen befürchten zu müssen. Ich erinnere mich, daß ich einen Volkswirtschaftsplan abgelehnt habe, weil darin stand, daß die Jugend der DDR zum dialektischen Materialismus zu erziehen sei. Das war für mich als Christ nicht hinnehmbar. Sie haben den Passus trotz meiner Intervention nicht ‘rausgenommen. Doch um nicht mißverstanden zu werden: Ich war kein Held, kein Bürgerrechtler, kein Oppositioneller. Ich habe nur versucht, Pflöcke einzurammen: Bis hierhin und nicht weiter.
NTI: Die Weimarer CDU hat im Umbruchjahr 1989 mit dem Brief aus Weimar von sich reden gemacht. Wie haben Sie diese Zeit erlebt?
PIETZSCH: 1987 wuchs die Hoffnung, daß sich etwas ändert. Mit großen Augen schauten wir in die Sowjetunion und auf Gorbatschow. Wir lasen den „Sputnik“. Und wir spürten 1988 in Ungarn den Hauch der Freiheit. Damals habe ich mir einen Gorbi­Sticker gekauft und seitdem stets an meinem Kittel getragen. Viele Patienten fanden das gut. Dann die Kommunalwahlen 1989. Alle Anzeichen deuteten darauf hin, daß es zwischen acht und zehn Prozent Gegenstimmen geben würde. Doch wieder 99 Prozent! Da war mir klar: Dieser Staat ist nicht reformierbar. Im Sommer spielten wir bei einem Urlaub in Ungarn sehr ernsthaft mit dem Gedanken, der DDR den Rücken zukehren. Wir hätten es wohl auch getan, wenn unsere älteste Tochter zu dieser Zeit nicht für ihr Studium in Berlin gewesen wäre. Wir wären nie ohne unsere Kinder gegangen.
NTI: Statt dessen gingen Sie in die Weimarer Herder­Kirche, wo sich der Protest formierte ...
PIETZSCH: ... in die Weimarer Herderkirche, ins Erfurter Augustinerkloster und in die Kirche von Bad Berka. Nach dem ersten Gemeindeabend Mitte September 1989, der Antwort auf die Frage suchte „Wir bleiben. Warum?“, setzten sich acht Leute, vor allem aus der Klinik in Bad Berka, zusammen und stellten einen Forderungskatalog mit 16 Punkten auf, der an die SED­Kreisleitung und an den Rat des Kreises gerichtet war. Schon der zweite Gemeindeabend wenig später fand in einer übervollen Kirche statt, die erste Bürgerversammlung dann im überfüllten Kinosaal. So haben wir versucht, von Bad Berka aus auf lokaler Ebene die friedliche Revolution voranzutreiben.
NTI: Das haben viele versucht. Doch nur wenige sind dann auch Landtagsabgeordnete geworden.
PIETZSCH: Ich war zwar CDU­Mitglied. Und ich habe in dieser Zeit auch ins Programm des Neuen Forums geschaut. Das war mir aber nicht praktisch genug. Die Leute haben viel geredet, ‘rausgekommen ist jedoch manchmal wenig bis nichts. So oder so: Die Parteizugehörigkeit spielte damals keine Rolle. An politische Funktionen habe ich keinen einzigen Gedanken verschwendet. Daß ich trotzdem in Verantwortung gelangte, geht auf eine Kette von Zufällen zurück.
NTI: Als da sind?
PIETZSCH: Auf einer CDU­Versammlung im November im Russischen Hof in Wei­ mar meldete ich mich zu Wort. Drei Dinge wollte ich damals geändert sehen: Weg mit der führenden Rolle der SED! Demokratisierung der CDU! Und Wiedervereinigung Deutschlands lieber heute als morgen! Die Versammlung zog sich. Ich mußte zum Dienst nach Bad Berka. Als ich abends nach Hause kam, war ich Delegierter für den CDU­Sonderparteitag in Berlin. Das war mein politischer Ein­ stieg. Ich wurde dann zum CDU­Gründungsparteitag Thüringen delegiert. Von der Partei als Direktkandidat für die erste Landtagswahl nach der Wende bestimmt. Und von den Weimarern gewählt.
NTI: Also eher ein Politiker wider Willen?
PIETZSCH: Das trifft es nicht. Vier Jahre Landtag und dann zurück in den Beruf. So hatte ich es mir vorgestellt. Selbst während der Abgeordnetentätigkeit wollte ich den Beruf zunächst nicht auf­ geben: anderthalb Tage in der Klinik, die verbleibende Zeit im Landtag. Das funktionierte jedoch gerade eineinhalb Jahre. Dann wurde ich an die Spitze des Sozialministeriums berufen. Damit waren alle Planungen hinfällig. Die Arbeit faszinierte mich; sie forderte den ganzen Mann.
NTI: Politiker, die aus der Ost­CDU kommen, wurden lange Zeit als „Blockflöten“ verteufelt. Wie weit trifft Sie dieser Vorwurf?
„Er war eine ehrliche Haut.“, Zurückgetretener Thüringer Nachwende-Ministerpräsident Josef Duchac (CDU) (FOTO Claus Bach)PIETZSCH: Er trifft mich schon ein Stück weit, vor allem, wenn er von denen kommt, die sich für lupenreine Oppositionelle halten. Es gab und gibt Leute, denen ich das nachsehe, weil sie in der DDR wirklich Gegenwehr leisteten. Alle anderen aber sollten sich zuerst an die eigene Nase fassen. Vereinzelt stimmten auch Wessis in den allgemeinen Chor ein. Und geradezu herablassend empfand ich es damals, daß westdeutsche Landesverbände zu unserem Gründungsparteitag mit der zweiten oder dritten Garnitur angereist waren. Aber das ist Schnee von gestern. Nein, ich bin nicht in die CDU eingetreten und schließlich auch Mitglied geblieben, um mich anzubiedern, sondern um zu bekennen: Ich bin Arzt und sehe mich in der Verantwortung für die Menschen, die hier leben.
NTI: Sie gehörten von Anfang an zum engeren Führungsgremium der Thüringer CDU, haben die Regierungskrise 1991 und den Wechsel im Amt des Ministerpräsidenten hautnah miterlebt und sind am Ende selbst vom Ausschußvorsitzenden zum Minister aufgestiegen. Wissen Sie noch, was Sie empfunden haben, als Josef Duchac zurücktreten und die Macht an Bernhard Vogel ab­ geben mußte?
PIETZSCH: Ich war damals Vorsitzender des Verfassungsausschusses und Vorstandsmitglied der CDU­Fraktion, also irgend­ wie schon einbezogen in die Entscheidungen dieser Zeit. Josef Duchac tat und tut mir leid. Er war eine ehrliche Haut. Er ist über eine Banalität gestolpert, die ins Uferlose hochgeputscht wurde. Mit dem Rücken zur Wand, nur noch auf Abwehr bedacht, vermochte er weder Politik zu machen noch zu regieren. Sein Rücktritt war dann unvermeidlich.
NTI: Welche Rolle spielten Sie bei der Suche nach einem Nachfolger?
PIETZSCH: Einige in der Fraktion haben mich vorgeschlagen, und ich habe lange überlegt, ehe ich mein Okay gab, allerdings unter einer Voraussetzung. Zunächst wollte ich die Bonner Auffassung wissen: Geht es der Bundespartei lediglich um einen Versorgungsposten – dann wollte ich kandidieren –, oder hilft man uns mit einer profilierten Persönlichkeit? Wie bekannt, fiel die Wahl auf Bernhard Vogel. Keiner hat sich darüber wohl mehr gefreut als ich. Vogel sprach nach seiner Ankunft auch gleich mit mir. Ich habe ihm gesagt, „wie froh ich bin, daß Sie es sind, und daß Sie es machen.“
NTI: Insgesamt sieben Jahre waren Sie Sozialminister in Thüringen: von 1992 bis 1994 und zum zweiten Mal von 1999 bis 2004. Dazwischen lagen fünf Jahre CDU/SPD­Regierung, in denen Sie als Landtagspräsident fungierten. Welches Amt hat Sie mehr gefordert?
PIETZSCH: Der Sozialminister! Und das vor allem in den ersten beiden Jahren, in denen neue Strukturen aufgebaut werden mußten. Stichworte: Jugendhilfe, Sportförderung, Landesblindengeld, Kindertagesstättengesetz, Landeserziehungsgeld oder Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz ab zweieinhalb Jahre, den wir als erstes Land überhaupt gewährleistet haben. Mit der Umsetzung der ersten großen Gesundheitsreform und später der Einführung der Pflegeversicherung des Bundes flossen Hunderte Millionen D­Mark nach Thüringen, die für Rekonstruktion, Erweiterung und Neubau von Krankenhäusern sowie die Sanierung von Alten­ und Pflegeheimen eingesetzt wurden. Ich gehörte den Gremien an, die die Reformen voran­ trieben, und habe einiges für Thüringen bewirken können.
NTI: Auf der anderen Seite ein riesiges Heer von Arbeitslosen. Als Sozialminister waren Sie auch und vor allem für den staatlich geförderten Arbeitsmarkt zuständig. Im NTI­Interview vertraten Sie 1994 die Meinung, daß staatliche Förderung noch fünf bis sechs Jahre notwendig sei, also etwa bis 2000. Gefördert wird aber auch heute noch. Eine Fehleinschätzung?
PIETZSCH: Die 90er Jahre waren auch in dieser Hinsicht eine harte Zeit. Reihen­ weise protestierten Arbeitslose vor Land­ tag und Ministerium. Ich war in Bischofferode und an anderen Brennpunkten und hoffte vielleicht mehr als es damals realistisch war, daß wir das Problem in absehbarer Zeit meistern würden und staatliche Förderung nicht mehr notwendig sei. Seit 2000 sinkt die Quote zwar, doch ich denke: Der staatlich geförderte Arbeitsmarkt wird auch zukünftig gebraucht. Einerseits suchen Thüringer Unternehmen inzwischen händeringend Fachkräfte, andererseits mangelt es an Arbeitsplätzen für Menschen, denen gewisse Voraussetzungen fehlen. Die Schwerpunkte der Politik haben sich geändert und werden sich weiter verändern.
NTI: In besagtem NTI­Interview verteidigten Sie die Zulassung privater Arbeitsvermittler. „Konkurrenz belebt das Geschäft“, sagten Sie. Wie sich später herausstellte, trugen private Arbeitsvermittler nicht unmaßgeblich dazu bei, daß die Zahl der Beschäftigten im Niedriglohnsektor stark angestiegen ist. Haben Sie Ihre Meinung inzwischen revidiert?
PIETZSCH: Konkurrenz belebt das Geschäft – dazu stehe ich nach wie vor. Ohne Konkurrenz neigt der Mensch da­ zu, die Dinge etwas geruhsamer anzugehen. Andererseits muß jedoch gewährleistet sein, daß keine Dumpinglöhne gezahlt werden. Ob Einkünfte nun Mindestlöhne oder Lohnuntergrenze heißen – entscheidend ist, daß die Menschen von ihrer Hände Arbeit leben können.
NTI: Als die NTI Sie damals interviewte, lag die Arbeitslosenquote bei 20 Prozent, teilweise sogar darüber. Zuletzt waren es im Schnitt weniger als zehn Prozent. Sie haben damals offensichtlich alles richtig gemacht?
PIETZSCH: Sagen wir es so: Wir haben damals längst nicht soviel falsch gemacht, wie uns die Opposition prophezeite. Thüringen startete nach der Wende mit der zweitschlechtesten Arbeitslosenquote. Nur Mecklenburg­Vorpommern lag hinter uns. Heute sind wir im Osten neben Sachsen Spitze und können uns – wie die jüngste Statistik ausweist, die Thüringen bei einer Quote von 7,2 Prozent sieht – auf einzelnen Gebieten inzwischen bereits mit Nordrhein­Westfalen messen. Auch wenn wir von Vollbeschäftigung noch ein Stück entfernt sind, das ist schon ein Grund, stolz zu sein.
NTI: Was würden Sie, wenn Sie die Möglichkeit hätten, rückgängig oder anders machen?
„So eine Zeit kommt nie wieder.“, Thüringer Landtagspräsident Frank- Michael Pietzsch (CDU) im Dezember 1994 (FOTO Dieter Schmidt).PIETZSCH: Rückgängig unbedingt nichts. Vielleicht aber würde ich mich im Gesundheitswesen noch intensiver einsetzen und in manchen Dingen stärker auf den Rat der Kammern und Verbände hören. Ich denke da vor allem an die Vorschriften für die Anschaffung von medizinischen Großgeräten. Sie sollte nicht reglementiert, sondern im Einvernehmen der Anwender geregelt werden. Kritiker könnten mir auch vorwerfen, daß ich in den Kitas zuwenig für die Bildung und zuviel für die Betreuung der Kinder getan habe. Hier bleibe ich bei meiner Meinung: Wir sollten Kitas nicht zu Schulen und Schulen nicht zur Beliebigkeit machen. Keine Zensuren, kein Sitzenbleiben, aber höchste Qualitätsanforderungen an den Unterricht – das paßt nicht zusammen.
NTI: Landtagspräsident, Sozialminister, Fraktionsvorsitzender: Hatten Sie niemals Ambitionen, auf der politischen Karriereleiter noch ein Stück höher zu steigen?
PIETZSCH: Nein, niemals. Selbst als ich für das Amt des Ministerpräsidenten vorgeschlagen  wurde, überwog die Angst, daß ich es wirklich machen müßte.
NTI: Sie waren Facharzt in Bad Berka, bevor Sie in die Politik wechselten. Vom Sprechzimmer ins Ministeramt. Dazu gehört eine große Portion Mut und Selbstvertrauen. Woher nahmen Sie die Gewißheit, daß Sie es packen würden?
PIETZSCH: Als Ausschußvorsitzender hatte ich in zwei Jahren erste politische Erfahrungen gesammelt. Schon in dieser Zeit war ich an einigen Gesetzgebungen nicht unmaßgeblich beteiligt. Auch die Arbeit als Vorsitzender des Verfassungsausschusses erwies sich für das neue Amt als sehr nützlich, ebenso die engen Kontakte zu meinem hessischen Kollegen und weiteren Experten in Wies­ baden. Schließlich war dem Arzt das Gesundheitswesen alles andere als fremd. Hier kannte ich mich aus. Ich bin also nicht ins kalte Wasser gesprungen. Doch auch kaltes Wasser hätte mich nicht abgeschreckt. Ich liebe und suche Herausforderungen.
NTI: Anfang der 90er Jahre wurden die Weichen in Thüringen grundlegend neu gestellt – auch durch den damaligen Sozialminister Pietzsch, der das Glück hatte, dieses Ressort später noch einmal fünf Jahre zu leiten. Ist die weitere Entwicklung in Ihrem Sinne verlaufen?
PIETZSCH: Die Kontinuität wurde, wenn­ gleich mit Veränderungen, beibehalten. Aber die Sparzwänge sind größer geworden. Das bekam ich schon in der zweiten Phase meiner Ministertätigkeit zu spüren. Landeserziehungs­ und Blindengeld oder das Kita­Gesetz kosten viel Geld. In dieser Richtung ist kaum noch etwas möglich. Wer also Neues will, muß an anderer Stelle sparen. Nicht glücklich bin ich, daß die Familienleistungen in eine Stiftung ausgelagert wurden. Das hat zwar den Vorteil, daß der Finanzminister an das Geld nicht ‘rankommt, birgt aber den Nachteil, daß man als Sozialminister kaum noch gestalten kann.
„Ich habe einiges für Thüringen bewirken können.“, Frank-Michael Pietzsch als freistaatlicher Sozialminister in einem NTI- Interview (FOTO WST-Archiv).NTI: Offensichtlich verfolgen Sie das politische Geschehen in Thüringen noch recht intensiv?
PIETZSCH: Das möchte sein. Ich gehe hin und wieder sogar in den Landtag, wer­ de dort freundlich empfangen und bin immer wieder überrascht, daß meine Meinung noch gefragt ist. In der Regel ist es doch so: Je weiter die Zeit der aktiven Politik zurückliegt, um so weniger Leute kennen einen noch.
NTI: Wie beurteilen Sie die Arbeit ihrer aktuellen Nachfolgerin, Heike Taubert von der SPD?
PIETZSCH: Ich kenne sie noch aus ihrer Zeit als Sozialreferentin, habe sie schon damals geschätzt und hatte den Eindruck, daß wir uns recht gut verstehen. Mir gefällt, wie sie ihre Arbeit macht: engagiert und solide.
NTI: Und was halten Sie von der Arbeit der derzeitigen Koalition aus CDU und SPD?
PIETZSCH: Ich kann ihr insofern Gutes abgewinnen, als es eine arbeitsfähige Koalition ist. Sorgen hätte ich, wenn das Land in die Hände von Rot­Rot­Grün geraten wäre. Unter den gegebenen Umständen ist Schwarz­Rot die bessere Lösung. Die Spitzenpolitiker beider Parteien, hier Frau Lieberknecht, dort Herr Matschie, achten sich und kommen miteinander aus. Regierung und Fraktionen funktionieren. Das sollte auch im heraufziehenden Wahlkampf so bleiben. Profilierungsgebaren, wie wir sie zeitweise von SPD­Seite erleben, stören das Klima nur. Und Herrn Matschie sei geraten, sich die Forderungen aus der Lehrerschaft zu Herzen zu nehmen. Ich kenne kaum einen Lehrer, der gut von und über ihn spricht. Das ist nicht gut für die Regierungsarbeit und schlecht für die Kinder.
NTI: Sie haben unter drei Herren gedient: Duchac, Vogel und Althaus. Was macht Christine Lieberknecht anders: besser oder weniger gut?
PIETZSCH: Frau Lieberknecht sollte vor allem mehr Führungskraft beweisen. Sicher, in einer Koalition ist das immer schwierig, aber sie müßte ihre Richtlinienkompetenzen stärker nutzen. Da­ von spürt man zu wenig. Es geht, zum Beispiel, nicht an, daß ein Minister da­ herkommt und den Bau eines neuen Stadions verkündet, obwohl er weder für Sport noch für Kultur und Bauwesen zuständig ist. Unterschiedliche Auffassungen klärt man untereinander und nicht auf dem Marktplatz.
NTI: In Thüringen stehen nächstes Jahr Landtagswahlen an. Was muß Ihrer Meinung nach geschehen, damit die CDU wieder und dann schon zum sechsten Mal stärkste politische Kraft wird?
PIETZSCH: Vor allem sollte man der Ministerpräsidentin mehr Rückendeckung geben. Daran scheint es mir bislang noch zu fehlen. Sie ist die führende Persönlichkeit. Das muß jeder in der Parteiführung akzeptieren und dementsprechend auftreten. Christine Lieberknecht wiederum sollte sich bemühen, ihre Person in Übereinstimmung mit den Parteigefühlen und den Gefühlen der Menschen für diese Partei zu bringen. Manchmal habe ich den Eindruck, daß sie außerhalb der CDU mehr Zustimmung erfährt als innerhalb ihrer Partei.
NTI: Am 22. September wird ein neuer Bundestag gewählt. Wagen Sie eine Prognose über den Ausgang? PIETZSCH: Lieber nicht. Nur soviel: Das Ergebnis wird knapp ausfallen. Und die FDP landet bei 5,1 Prozent der Wähler­ stimmen. Damit würde eine Neuauflage von Schwarz­Gelb möglich werden. Aber da ist wohl auch der Wunsch der Vater des Gedankens.
 
Mit Thüringens ehemaligem Sozialminister Dr. Frank­Michael Pietzsch sprach KLAUS RANGLACK.
 
Zur Person
Dr. med. Frank-Michael Pietzsch, Jahrgang
1942, wurde in der Lutherstadt Wittenberg geboren. Nach dem frühen Tod der Mutter zog er 1953 zu den Großeltern nach Berlin. Dort erlangte er 1960 das Abitur, studierte anschließend an der Berliner Humboldt-Universität Humanmedizin (Staatsexamen 1966) und absolvierte danach eine fünfjährige Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin im Kreiskrankenhaus Belzig (Mark Brandenburg). 1971 wechselte er zur Kreispoliklinik Belzig, wo er bis 1978 die Innere Abteilung leitete. Im gleichen Jahr nahm er die Zweitfacharztausbildung als Radiologe an der Zentralklinik für Herz- und Lungenkrankheiten in Bad Berka auf, promovierte 1981 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und arbeitete ab 1983 bis zur politischen Wende in Bad Berka als Oberarzt in der Abteilung für kardio-vaskuläre Diagnostik.
1975 trat Frank-Michael Pietzsch der Blockpartei CDU bei, wurde 1985 in die Stadtverordnetenversammlung Bad Berka gewählt und übernahm im Februar 1990 den Vorsitz des CDU-Kreisverbandes Weimar. Im Oktober 1990 gelangte er als Direktkandidat in den ersten Thüringer Nachwende-Landtag, dem er dann drei Legislaturperioden hintereinander angehörte. Zunächst Ausschußvorsitzender, wurde er Mitte der Legislaturperiode zum Minister für Soziales und Gesundheit berufen. In der großen Koalition aus CDU und SPD (1994 bis 1999) bekleidete er das Amt des Landtagspräsidenten, war anschließend bis 2003 noch einmal Sozialminister  und dann im letzten  Jahr dieser Legislaturperiode Vorsitzender der CDU-Fraktion. Zur Landtagswahl  2004 trat er nicht mehr an.
Während seiner aktiven politischen Laufbahn übernahm Frank Michael Pietzsch zahlreiche Ehrenämter, darunter die Präsidentschaft des Thüringer Volkshochschulverbandes, den Kuratoriums-Vorsitz der Stiftung Thüringer Sporthilfe und die Leitung des Landesverbandes Thüringen der Volkssolidarität, die er noch heute neben zahlreichen weiteren Ehrenämtern ausübt. So ist er in Weimar unter anderem Aufsichtsratsmitglied des Hufeland-Klinikums und Ehrenvorsitzender der CDU sowie Mitglied des Landesverbandes der Senioren-Union und des Stadtrates in Bad Berka. Dr. Frank-Michael Pietzsch ist verheiratet, Vater von drei Kindern und sechsfacher Großvater. Er lebt in Bad Berka.
NTI-Ausgabe 6/2013

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