„Ich hätte weiter gekämpft“

Gerhard Jüttemann mit dem Star unter seinen etwa 150 Sporttauben. In einem Regionalwettbewerb, an dem rund 6000 geflügelte Briefträger teilnahmen, sorgte die Taube für einen Rekord, der bis heute Bestand hat. Während des mehr als 400 Kilometer langen Fluges erreichte sie eine Durchschnittsgeschwindigkeit von 2131 Meter in der Minute. „Allerdings mit Rückenwind“, gestand der Züchter schmunzelnd. (FOTO Privatarchiv)Gerhard Jüttemann war im Arbeitskampf der Bischofferöder Kali-Kumpel zwischen 1992 und 1993 ihr herausragender Sprecher – Was macht er heute? Wie denkt er 20 Jahre später über die Zeit des Widerstandes? Die friedliche Revolution in der DDR - im thüringischen Eichsfeld hatte sie ein weniger friedliches Nachspiel. Fast zwei Jahre, 1992 bis 1993, wehrten sich die 700 Kumpel des Kali-Werkes Bischofferode vehement gegen die Schließung ihres Betriebes. Vergeblich. Mit der letzten Schicht am 31. Dezember 1993 ging eine knapp hundertjährige Bergbautradition zu Ende, von der heute nur noch das Bergbau-Museum in der ehemaligen Poliklinik erzählt. Bundesweit beachteter Sprecher der Streikenden war Gerhard Jüttemann, der damals auch in der NTI zu Wort kam.

NTI: Herr Jüttemann, als wir wenige Wochen nach der letzten Grubeneinfahrt Ende 1993 die Stimmung unter ihren Kollegen erkundeten, faßten Sie die Situation mit einem einzigen Wort zusammen: „Beschissen“. Gilt das auch heute noch?

JÜTTEMANN: So drastisch würde ich es auf die heutige Situation gemünzt nicht mehr ausdrücken. Der wirtschaftliche Aufschwung, den die Politik vollmundig angekündigt hatte, ist in dem Maße zwar nicht eingetreten, und die versprochenen tausend Dauerarbeitsplätze sind längst nicht entstanden. Einiges hat sich trotzdem getan: Das Industriegebiet wurde saniert. Eine Reihe kleinerer Unternehmen hat sich angesiedelt. Die Infrastruktur und hier vor allem die Verkehrsanbindung haben sich spürbar verbessert. Die Gesamtsituation ist jedoch weiterhin angespannt.

NTI: Das heißt?

JÜTTEMANN: Wir haben nach etwa fünf Jahren eine kleine Erhebung durchgeführt und mußten feststellen: Bei den Neuansiedlungen handelte es sich vielfach nur um Verlagerungen, die noch dazu zum Teil ihre eigenen Arbeitskräfte mitbrachten. Und von unseren einst knapp 700 Bergleuten hatten zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 60 Kumpel eine neue Anstellung gefunden. Und diese Zahl hat sich bis heute kaum erhöht, zumal einige der neuen Unternehmen inzwischen nicht mehr existieren. Wenn sich die Situation dennoch entschärft hat, so liegt das vor allem daran, daß viele, vor allem jüngere Arbeitskräfte abgewandert sind. Allein Bischofferode hat seit der politischen Wende 600 Einwohner verloren.

NTI: Sie und Ihre Kollegen kämpften zuletzt mit einem Hungerstreik um die Grube und damit um Ihre Arbeitsplätze. Die halbe Bundesrepublik nahm Anteil daran. Würden Sie heute noch einmal so weit gehen?

Werksbesetzung und Hungerstreik in Bischofferode 1993. Einiges hat sich trotzdem getan. (FOTOS Erhard Schorcht)JÜTTEMANN: Ja. Wir haben unser Ziel, den Erhalt des Betriebes, zwar nicht erreicht. Doch ohne unseren Kampf wäre die Zeit danach für jeden einzelnen sehr viel schlimmer geworden. Der größte Teil der Kumpel hätte am 1. Januar 1994 ohne Arbeit und ohne Einkommen da gestanden ...

NTI: ... Man hat Ihnen damals auch vorgeworfen, Sie hätten als Betriebsrat mit Ihrem AllesoderNichts die Konfrontation auf die Spitze getrieben. Halten Sie im nachhinein daran fest?

JÜTTEMANN: Gegenfrage: Hatten wir denn damals eine andere Chance? Wir

hatten doch nur dieses Werk. Die Politik versprach uns zwar das Blaue vom Himmel, legte sich schriftlich aber niemals fest. Wir wären vor jedem Gericht mit einer Klage gescheitert. Auch die Zusagen, die wir schließlich erhielten, kamen doch nur auf Druck zustande. Ja, es war richtig, alle demokratischen Mittel einzusetzen. Ich hätte sogar weiter gekämpft. 1994 war ein Wahljahr. Das wäre ein Ausstand kein guter Wahlhelfer gewesen. Aber die Mehrheit war von dem langen und kräftezehrenden Arbeitskampf müde geworden. Die meisten wollten nicht mehr. Das hatte ich zu akzeptieren.

NTI: Trotz Niederlage aber doch Teilerfolge?

 Hatten wir denn damals eine andere Chance? (FOTO NTI-Archiv) JÜTTEMANN: Unsere Entschlossenheit hat immerhin dazu geführt, daß jedem einzelnen noch zwei Jahre lang der volle Lohn gezahlt wurde – egal, ob er nun für die Demontage des Werkes übernommen wurde, eine Umschulung aufnahm oder in Beschäftigungsgesellschaften unterkam. Wer danach immer noch keine feste Anstellung gefunden hatte, erhielt weitere zwei Jahre ABMLöhne. Vier Jahre gesichertes Einkommen – das waren in jener Zeit schon ungewöhnliche Konditionen. Außerdem haben wir Sozialmaßnahmen durchgedrückt und für jeden Kumpel ein „Schmerzensgeld“ von 7500 DMark herausgeschlagen.

NTI: Sie selbst waren am Ende ja fein raus. Über die offene Liste der PDS gelangten Sie in den Bundestag und saßen dort zwei Legislaturperioden. Sie sind für Ihre alten Tage bestens abgesichert.

JÜTTEMANN: Mit diesem Gedanken hatte ich vorher nie gespielt. Erst als Gregor Gysi von der PDS am Rande einer Belegschaftsversammlung im Januar 1994 auf mich zukam – also nach Beendigung des Arbeitskampfes –, stand ich plötzlich vor der Frage, ob ich als parteiloser Katholik für die PDS kandidieren wolle. Gregor Gysi hat die Risiken nicht verschwiegen, die mir und meiner Familie im streng katholischen Eichsfeld erwachsen könnten. Und er verlangte keine Gegenleistung. Wir haben das dann in der Familie beraten. Auch im Betriebsrat, um dessen Meinung ich gebeten hatte, überwog die Zustimmung. Nach dreiwöchiger Bedenkzeit habe ich schließlich zugesagt.

NTI: Sind Sie inzwischen Mitglied des PDS-Nachfolgers Die Linke?

JÜTTEMANN: Ich bin eingetreten. Aber erst nach meinem Ausscheiden aus dem Bundestag. Zum einen aus Überzeugung. Ich befinde mich zwar nicht in allen Punkten auf einer Linie mit der Partei. Doch schon während unseres Arbeitskampfes waren PDS-Mitglieder die einzigen, die uns umfassend unterstützt haben. Dieser Eindruck hat sich dann als Bundestagsabgeordneter noch vertieft. Zum anderen aus Dankbarkeit. Die acht Jahre im Bundestag waren für mich ein enormer Erkenntnis und Erfahrungsgewinn. Davon wollte ich etwas zurückzahlen.

NTI: Bischofferode sei, so sagten Sie damals in der NTI, „den Interessen mächtiger Monopole geopfert“ worden. Stehen Sie heute noch dazu?

 Risiken nicht verschwiegen. (Foto Ute Mahler) JÜTTEMANN: Ohne jede Abstriche. Für Kali + Salz und für die BASF waren wir ein lästiger Konkurrent, und die Politik hat sich aus Gründen, über die ich nicht spekulieren will, zum Handlager dieser Konzerne gemacht. Die Menschen spielten dabei keine Rolle. Eklatanter Beweis dafür ist die sogenannte Konkurrenzausschlußklausel. Sie untersagte es Fremd-Unternehmen, die Produktion in den nächsten zehn Jahren in den stillgelegten ostdeutschen Gruben fortzuführen. Die EU hat dieses Verbot nicht genehmigt. In der Bundesrepublik wurde es dennoch stillschweigend durchgesetzt.

NTI: Es gab damals sogar einen Käufer, der von Treuhand und von Kali + Salz ausgebremst wurde: den Düngemittelhersteller Johann Peine aus Westdeutschland ...

JÜTTEMANN: Auch Herrn Peine wurde damals übel mitgespielt. Es gab mehrere Konzepte für den Erhalt unseres Werkes, wenngleich in abgespeckter Form. Eine dieser Varianten hätte Fördermittel von etwa 30 Millionen D-Mark benötigt. Den „Rest“ hätte Herr Peine getragen. Doch die Treuhand lehnte ab. Statt dessen zahlte sie als Beihilfen für die Fusion mehr als eine Milliarde D-Mark, die meines Wissens vorwiegend jenseits der Werra ankamen.

NTI: Die Situation der KaliIndustrie hat sich verändert. Die Preise für Düngemittel steigen. Und unter der Erde von Bischofferode soll das beste Kali hierzulande liegen. Die Vorräte reichen, wie damals in der NTI stand, mindestens bis ins Jahr 2030. Hat Bischofferode demnächst wieder eine Chance?

Bundestagsabgeordneter Gerhard Jüttemann. (Foto wst Archiv) JÜTTEMANN: Eher nicht. Die Gruben sind inzwischen zu großen Teilen mit Lauge gefüllt. Mehrere Millionen Kubikmeter wurden bisher in die Stollen gepumpt. Damit ist die Produktion so gut wie tot. Um sie wieder aufzunehmen, müßte ein 69 neues Feld erschlossen werden. Das wäre mit hohen Sicherheitsvorkehrungen verbunden. Ich glaube daher, daß da nichts Neues, nichts Großes nachkommt.

NTI: Sie sind, wie man hier sagt, „Bergmannsrentner“. Die Jahre unter Tage, des Kampfes und der Diplomatie gehören der Vergangenheit an. Wie fühlen Sie sich heute? Was machen Sie, wenn Sie Ihre Zeit nicht mit der Familie verbringen?

JÜTTEMANN: Ich bin zufrieden wie es jetzt läuft. Wir haben in Holungen günstig ein Grundstück mit Haus erworben, das mit vielen Eigenleistungen saniert und ausgebaut wurde. Mit Zustimmung meiner Nachbarn habe ich dort auch einen großen Schlag für meine Sporttauben errichtet, die seit frühester Jugend mein Hobby darstellen. Und da sind auch noch meine Tätigkeit als Kreistagsabgeordneter und unser Bergmannsverein „Thomas Müntzer“ mit seinem Museum, die beide reichlich Freizeit in Anspruch nehmen. Das paßt schon alles gut zusammen.

Mit Gerhard Jüttemann sprach KLAUS RANGLACK.

NTI-Ausgabe 2/2012

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