„Es kommt darauf an, was man gemacht hat“

Thüringer Finanzminister Wolfgang Voß (CDU) beim Besuch des Druckhauses Gera im Gespräch  mit Jürgen Taudien und dessen Nachfolger in der Geschäftsführung, Uwe Kaiser (von links  nach rechts), „Es war eine schöne, wenn auch nicht immer leichte Zeit.“ (FOTO DHG-ARCHIV)Er leitete erfolgreich einen VOB-Betrieb (VOB = Vereinigung organisationseigener Betriebe, Betriebe in Parteibesitz; im konkreten Fall im Besitz der SED) und behauptete sich dann auch als Unternehmer in der Marktwirtschaft: Jürgen Taudien, 29 Jahre Mitarbeiter und zuletzt Direktor des Grafischen Großbetriebes Druckerei Fortschritt Erfurt, der zu Wendezeiten 1400 Mitarbeiter zählte. Danach war er 18 Jahre Geschäftsführer eines Privatunternehmens; die meiste Zeit davon, 15 Jahre, lenkte er die Geschicke des Druckhauses Gera, das heute 60 Mitarbeitern und Auszubildenden Arbeit und Brot bietet.
Sein Name geht auf die Hugenotten zurück, jene französischen Protestanten, die unter der Regentschaft von Ludwig XIV. um 1680 aus dem Land vertrieben wurden und unter anderem in Pommern eine neue Heimat fanden: mittellos zwar, aber arbeitsam und mit besonderen Begabungen für Handwerk und Handel ausgestattet. Bismarck, der eiserne Kanzler, soll sie dereinst als „die besten Deutschen“ bezeichnet haben. Davon hält Jürgen Taudien zwar nichts. Ansonsten aber fühlt er sich schon in der Tradition seiner französischen Vorfahren: „Vielleicht habe ich von ihnen noch etwas Gescheites mitbekommen“, sagt er lächelnd.
 
NTI: Herr Taudien, als die politische Wende einsetzte, waren Sie Direktor des Grafischen Großbetriebes  Druckerei Fortschritt Erfurt. Wie stand der Betrieb zu diesem Zeitpunkt wirtschaftlich da?
TAUDIEN: Die Druckerei Fortschritt Erfurt blickte zu diesem Zeitpunkt auf eine wechselvolle Geschichte zurück. Von einer KPD­Druckerei in der Leipziger Straße, die 1933 von den Nazis zerschlagen wurde, entwickelte sie sich in der DDR zu einem Spezialbetrieb für hoch­ wertige Kunst­ und Bildbände, der – einschließlich der Betriebsteile in Arnstadt, Gotha, Eisenach, Mühlhausen, Nordhausen und Weimar – zur Wende 1400 Mitarbeiter zählte. Politischer Schwerpunkt der Arbeit war die Produktion der Tageszeitungen der SED und der „befreundeten Parteien“ sowie Drucksachen für Verwaltungen, für Sport, Kultur und die Bevölkerung. Zweites wichtiges Standbein bildeten unsere hochwertigen Bildbände. Sie wurden zu 50 Prozent in die UdSSR exportiert. Zusammen ergab das eine gut planbare Auslastung der Kapazitäten, von der man heute nur träumen kann.
NTI: Sie betonen die „befreundeten Parteien“. Waren die Blockparteien Ihrer Meinung nach am Ende gar nicht so befreundet mit der SED?
TAUDIEN: Im Gegenteil. Die Blockparteien waren für die SED wichtige Partner bei der Umsetzung ihrer Politik in allen Schichten der Bevölkerung und wurden sorgsam gehegt und gepflegt. Die befreundeten Parteien erhielten 1972 im Zuge der Verstaatlichung der letzten privaten Industriebetriebe sogar selbst eigene Unternehmen zur Untersetzung ihrer wirtschaftlichen Existenz zugesprochen. Allerdings nicht im Pressedruck. Dieses Agitationsmittel wollte die SED schon in eigener Kontrolle halten.
NTI: Wie haben Sie die politische Wende erlebt?
TAUDIEN: Die politische Wende kam für mich völlig überraschend, obwohl jedem von uns klar war, daß es in der DDR wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Veränderungen bedurfte. Wir haben mit unseren Auffassungen auch nicht hinterm Berg gehalten. Unsere Berichte und Hinweise an das Zentralkomitee der SED wurden zwar zur Kenntnis genommen, mehr aber auch nicht.
NTI: Welche wirtschaftlichen Auswirkungen hatte die politische Wende auf die Druckerei Fortschritt?
TAUDIEN: Zunächst keine. Auch in der Wendezeit arbeiteten wir im Unterschied zu anderen Unternehmen voll nach Plan und Planübererfüllung. Das Wichtigste für die Zukunft, so unsere Überlegungen damals, ist unsere Arbeits­ und Leistungsfähigkeit. Die wollten wir hochhalten. Und damit lagen wir, wie sich zeigen sollte, goldrichtig. Zur Währungsunion Mitte 1990 befanden sich auf unseren Konten 13 Millionen DDR­ Mark, die uns später die Begleichung vieler Sozialaufwendungen ermöglichten. Für mich steht fest: Die erfolgreiche Arbeit in der Vergangenheit war auch die Voraussetzung für Erfolge in der Wendezeit.
NTI: Was haben Sie in dieser bewegten Zeit empfunden?
TAUDIEN: Da war vor allem Sorge um die Zukunft des Betriebes und seiner Mitarbeiter. Nach der zum Glück friedlichen Beendigung des kalten Krieges mußten wir uns auf eine neue, vom Kapitalismus geprägte Zeit einstellen. Für uns war das eine Herausforderung, der wir uns dennoch mit Optimismus stellten. Es gab ja auch keine andere Wahl, wollte man nicht unter der Brücke landen.
NTI: Worauf gründete sich Ihr Optimismus?
TAUDIEN: Mut machte mir vor allem der Zusammenhalt der Belegschaft und das Vertrauen, das sie mir und meinen Mitstreitern aus der Druckereileitung entgegenbrachte. Als mich zum Beispiel der Sicherheitsbeauftragte der Treuhand­ Chefin nach langer Überprüfung für unwürdig befand, in einer MBO­Lösung **) zur Privatisierung der Druckerei mitzuwirken, setzte sich eine Delegation des Betriebsrates bei der Treuhandanstalt in Berlin für meinen Verbleib im Unternehmen als Geschäftsführer ein. Stark beeindruck hat mich auch die Tatsache, daß von unseren 1400 Mitarbeitern in den ersten drei Monaten nach der Grenzöffnung nur 30 meist jüngere Kollegen den Betrieb und die DDR verlassen haben. Das waren Vertrauensbeweise, die nicht vielen Betriebsleitern zuteil wurden. Andererseits waren sie mir aber auch eine große Verpflichtung: Ich wollte dieses Vertrauen unbedingt rechtfertigen.
NTI: Die ersten Monate 1990 sollten Ihnen recht geben. Der Start in die Marktwirtschaft verlief nahezu reibungslos ...
TAUDIEN: In der Tat, die ersten Monate im Jahr eins nach der Wende waren hoffnungsvoll angelaufen. Bevor irgendwelche Stellen in der Bundesrepublik munter wurden, erhielten wir Kontakte zu westdeutschen Unternehmen. Man mußte allerdings sehr genau aufpassen, um nicht von Betrügern übertölpelt zu werden, die plötzlich vom Westen her in die DDR einfielen. Doch wir hatten Glück. Hilfe und Unterstützung fanden wir in dieser Zeit des Überganges bei großen Druck­ und Verlagshäusern wie WAZ, Burda oder der Sebald­ Gruppe, die uns zum Teil auch mit ihren Experten zur Seite standen. Dankbar bin ich dabei vor allem Klaus Küber, Geschäftsführer der Sebald­Gruppe in Nürnberg, der meine allgemeinen Vorstellungen über den Kapitalismus mit konkreten Kenntnissen über die Wirkungsmechanismen in der Marktwirtschaft bereicherte.
NTI: Vom Sozialismus in den Kapitalismus. Welche Vorstellungen gab es, die Druckerei in die Marktwirtschaft über­ zuleiten?
TAUDIEN: Die Aufgabe bestand darin, sofort mit der Entflechtung der großen Betriebsstrukturen zu beginnen und neue Einsatzmöglichkeiten für die freiwerdenden Mitarbeiter zu schaffen. Erste und wichtigste Maßnahme auf diesem Weg war die Umwandlung der Druckerei Fortschritt in die Verlags und Druckerei Fortschritt Erfurt GmbH. Gemeinsam mit Burda, Sebald und Vertretern der Redaktion der „Thüringer Allgemeine“ gründete das neue Unternehmen anschließend sofort den ostdeutschen Verlag zur Herausgabe der neuen ostdeutschen Zeitschrift „Super­TV“ und eine Vertriebsstruktur für die gleichfalls neue Zeitschrift „Super­Illu“, zu denen sich später noch andere Verlagsprodukte gesellten. Hinzu kam der Zeitungsdruck. Der WAZ­Konzern ließ die „Thüringer Allgemeine“ und der Springer­Verlag zeitweise die dezentrale Ausgabe der „Bild“­Zeitung in Erfurt drucken.
NTI: Von der Privatisierung profitierte vor allem der Stammsitz des Unternehmens in Erfurt. Was wurde aus den anderen Betriebsteilen?
TAUDIEN: Für unsere Betriebsteile im Bezirk Erfurt haben wir ebenfalls Privatisierungslösungen gesucht. Das gelang mit der Gewinnung von westdeutschen Käufern aus der Druckbranche, durch den Verkauf an ortsansässige Handwerker und durch Privatisierung, indem Angestellte dieser Betriebsteile die Arbeit als selbständige Unternehmer fortsetzten. Für die in Erfurt verbliebenen Akzidenzdruckbetriebe orientierten wir auf eine MBO­Lösung. Hier war die Treuhandanstalt weniger von Nutzen. Meine späteren Partner aus Nordrhein­ Westfalen im Druckhaus Gera vertraten sogar die Meinung: Wenn jeder westdeutsche Unternehmer seine Aktivitäten im Osten nur zu 30 Prozent wiederholte, wäre die wirtschaftliche Einheit der bei­ den deutschen Staaten vollzogen, und wir brauchten keine Treuhandanstalt.
„Zusammenarbeit mit neuen Inhabern nicht vorstellbar“, Jürgen Taudien im Jahr 1993 als Geschäftsführer der damaligen Verlag und Druckerei Fortschritt GmbH in Erfurt. (FOTO NTI-ARCHIV)NTI: Die optimistisch stimmende Entwicklung fand ein jähes Ende. Gedeih und Verderben des neugegründeten Unternehmens wurden in die Händen der Treuhandanstalt gelegt.
TAUDIEN: Für die Verlags und Druckerei Fortschritt Erfurt GmbH entstand in diesem Augenblick eine völlig neue Situation. Aus Gründen des Vorranges von Restitutionsansprüchen wurde die Reprivatisierung vorgenommen. Als Eigentümer fungierte nun eine Erbengemeinschaft aus Bayern, deren Ziel hauptsächlich darin bestand, die Druckhaus­ Immobilien zu verwerten. Das von der Erbengemeinschaft 1994 gegründete und als „Druck­ und Verlagshaus Erfurt seit 1848“ firmierende neue Unternehmen veranlaßte die Treuhand, die Mietverträge mit unserer Zeitschriften­Vertriebsgesellschaft zu kündigen. Das Presse­Grosso in Erfurt wurde aufgelöst. In der Folge gingen hundert Arbeitsplätze verloren ...
NTI: ... und Sie schieden aus dem Unternehmen aus?
TAUDIEN: Aus gutem Grund. Denn eine Zusammenarbeit mit den neuen Inhabern dieser Druckhaus­GmbH war für uns als Kenner der Lage vor Ort nicht vorstellbar. Und wir sollten recht behalten. Obwohl die neue Gesellschaft für den Neustart von der Treuhand finanzielle Unterstützung in Millionenhöhe erhielt, landete das Unternehmen 2002 in der Insolvenz. Die Gebäude der einstigen Druckerei Fortschritt in der Johannesstraße stehen noch heute ungenutzt im Stadtzentrum von Erfurt.
NTI: Über die Arbeit der Treuhand gibt es unterschiedliche Auffassungen, die sich zum Teil diametral gegenüberstehen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
TAUDIEN: Ich könnte die leidigen Berichte über die Treuhandanstalt um einige Kapitel bereichern, begnüge mich aber mit der Feststellung: Die Treuhand hat den Übergang ostdeutscher Wirtschaftsexperten in die Marktwirtschaft nicht befördert, sondern zunehmend erschwert. Dennoch hat sie Großes vollbracht. Es wird wohl ein einmaliger Vorgang bleiben, daß eine ganze Volkswirtschaft in so kurzer Zeit verscherbelt wurde. Der Weg für Neues ist damit ja auch geebnet worden.
NTI: Sie haben den Übergang am Ende auch geschafft.
TAUDIEN: Und zwar mit finanzieller Unterstützung westdeutscher Partner, engagierten Mitarbeitern und auch mit ein bißchen Glück. Vor allem aber mit großem Engagement, wie es Zeus sagte: Die Götter schenken ihre Güter keinem Faulen. 1993 bot uns der WAZ­Konzern an, das schon privatisierte Druckhaus Gera zu kaufen. Zu dieser Betriebsstätte gehörte eine Akzidenzdruckerei, die der Zeitungskonzern nicht mehr benötigte. Wir griffen zu. Und hatten dann auch insofern Glück, als wir in der Zeit nutzloser Treuhandgespräche neue Partner aus Meckenheim in Nordrhein­Westfalen kennenlernten, die unseren Weg als Jungunternehmer begleiteten.
NTI: Ein „Ossi“ kauft einem westdeutschen Konzern eine Betriebsstätte ab? Wie war das möglich?
TAUDIEN: Das Angebot der WAZ stand; und die finanziellen Fragen wurden mit Hilfe unserer Partner aus Meckenheim gelöst. Sie erschlossen uns die Wege zu ihrer Bank, und sie wiesen uns in die Besonderheiten marktwirtschaftlicher Unternehmensführung ein. Daraus entwickelte sich eine echte, langfristige Freundschaft. Im Unterschied zur Treuhand, bei der es umständlich und langwierig und oft auch erfolglos zuging, waren wir von den zügigen Kaufverhandlungen für das Druckhaus Gera bei der WAZ in Essen total überrascht. Innerhalb einer Stunde stand das Geschäft. Die zweite Stunde galt der Verkaufspreisbildung. Und in der dritten Stunde wurden die Zahlungsmodalitäten vereinbart. Das war‘s. Das Druckhaus Gera konnte mit neuen Inhabern die Arbeit aufnehmen ...
Unternehmer Jürgen Taudien bei der Übergabe eines Buches zur Fußballweltmeisterschaft  1992, hoffnungsvoller Anlauf. (FOTO DHG/V. BRIX)NTI: ... die sich wie gestaltete?
TAUDIEN: Der Anfang war natürlich schwer; der Markt, speziell in Ostthüringen, kaputt. Und ab und zu kamen schon Zweifel auf, ob wir uns richtig entschieden hatten. Hier half uns die Partnerschaft mit den neuen Freunden aus Meckenheim und die positive Haltung der Mitarbeiter durch manche Talsohle hindurch. Zugute kamen uns ferner unsere Kontakte nach Erfurt – zum Landtag, zu den Parteien, zu gesell­schaftlichen, kulturellen und sportlichen Einrichtungen sowie zur Stadtverwaltung der Landeshauptstadt –, die uns zunehmend neue Geschäftsfelder erschlossen. Heute beschäftigt das Druckhaus Gera 60 Facharbeiter, Auszubildende und Teilzeitkräfte. Jährlich werden über 500 Kunden mit mehr als 7000 Aufträgen bedient. Der Jahresumsatz beläuft sich auf sechs Millionen Euro.
NTI: Der Zeitungsdruck, in der alten Druckerei Fortschritt einst wichtiges Standbein, ist passé. Womit verdient das Druckhaus Gera heute sein Geld?
TAUDIEN: In Gera werden hochwertige Druckerzeugnisse wie Bildbände, Kunstkataloge, Bücher, Zeitschriften und Plakate im modernsten Offset­ und Digitaldruck gefertigt, darunter viele Jahre lang auch die NTI. Voraussetzung für dieses umfangreiche Produktionsprogramm war der Neubau einer modernen Druckfabrik nahe der Autobahn im Geraer Gewerbegebiet Tinzer Straße. 2003 wurde dort die Produktion aufgenommen, also zehn Jahre nach der Unternehmensgründung. Insgesamt sind in den vergangenen 20 Jahren, die das Druckhaus Gera nun besteht, über 20 Millionen Euro investiert und so stets die Anpassung an die Markterfordernisse gewährleistet worden. Unsere Maxime war und ist nicht der kurzfristige Gewinn, die private Aneignung der erwirtschafteten Mittel, sondern vorrangig die langfristige Sicherung der Arbeits­ und Ausbildungsplätze.
NTI: Sie wurden 1993 mit 53 Jahren „Jung“­Unternehmer. Was war das für ein Gefühl?
Jenoptik-Sanierer Lothar Späth im September 2000 bei einem Besuch im Druckhaus Gera im Gespräch mit Geschäftsführer Jürgen Taudien und weiteren Gesellschaftern des Unternehmens - „Stätte gemeinsamen Wirkens.“ (FOTO DHG-ARCHIV)TAUDIEN: Darüber habe ich damals kaum nachgedacht. Heute sage ich: Das war der eigentliche Höhepunkt meines Berufslebens. Denn nun galt es, die Chancen zu nutzen, die privatwirtschaftliche Arbeit bietet, aber auch die gesamte Verantwortung und die Risiken zu tragen, die damit verbunden sind. Dabei ist mir dann sehr schnell klar geworden, daß das gesamte Aufgabenspektrum nicht mehr von einem Alleinunternehmer zu leisten ist. Wir haben darum gleich zu Beginn der Arbeit in Gera das Modell einer Mitarbeiter­Beteiligungsgesellschaft entwickelt ...
NTI: Was muß man sich unter dieser Mitarbeiter­Beteiligungsgesellschaft vorstellen?
TAUDIEN: Dabei handelt es sich um eine Beteiligungsgesellschaft der Leistungsträger. Sie kombiniert Erfolgsbeteiligung, unternehmerische Verantwortung und unternehmerisches Risiko, das die Zeit nun einmal mit sich bringt. Dahinter steht die Erkenntnis, daß die Probleme, denen sich ein Mittelständler in dieser Zeit gegenübersieht, immer komplizierter werden und in einem immer schmaler werdenden Zeitfenster gelöst werden müssen. Das ist, so meine Erfahrungen, von einem Alleinunternehmer auf Dauer nicht mehr zu stemmen. Er braucht Mitarbeiter, die Anteil an der Verantwortung tragen. Deshalb die Beteiligungsgesellschaft. Sie war und ist der Schlüssel für die erfolgreiche Entwicklung im Druckhaus Gera ...
NTI: ... und regelt unseres Wissens zu­ gleich die Nachfolge in der Unternehmensleitung?
TAUDIEN: So ist es. 2008 konnte ich mich problemlos aus der unmittelbaren Verantwortung zurückziehen. Seitdem lenken Uwe Kaiser als Hauptgeschäftsführer, Uwe Hartmann als Geschäftsführer, Thomas Lendrich als Leiter der Niederlassung Erfurt sowie Mandy Thomas, Steffen Petzold und Rainer Wächter als weitere Gesellschafter und Funktionsträger die Unternehmensgeschicke.
NTI: Das Druckhaus Gera, eine Erfolgsgeschichte – gibt es dafür ein Geheimrezept?
TAUDIEN: Wenn es ein Geheimrezept gibt, dann dieses: Wir haben in den Mittelpunkt unserer Arbeit immer den Mensch gestellt, den Mensch als Unternehmer, Mitarbeiter, Kunde und Partner. Unsere Kunden – das sind unsere eigentlichen Arbeitgeber, das sind diejenigen, die unsere Arbeit finanzieren. Diese einfache Wahrheit bestimmt das Verhältnis aller unserer Mitarbeiter zu den Kunden. Und die Kunden wissen es zu schätzen. Sie kommen immer wieder gerne zu uns und nehmen das Druckhaus als Stätte gemeinsamen Wirkens an.
NTI: Sie mußten aber auch Lehrgeld zahlen. Mit Ihrem Engagement für den Greifenverlag Rudolstadt haben Sie Schiffbruch erlitten. Da hatten Sie, wie die NTI in ihrer Oktober­Ausgabe 1993 berichtete, an ein Wunder geglaubt, das dann nicht eingetreten ist.
TAUDIEN: Der Greifenverlag hat schon zu DDR­Zeiten eine beachtenswerte Verlagsproduktion geliefert. Doch die erste Privatisierung nach der Wende lief schief. Als gerade erst privatisiertes Druckerei­Unternehmen waren wir natürlich interessiert, neue Auftraggeber zu akquirieren. 1991/92 ergab sich die Möglichkeit, den Rudolstädter Verlag gemeinsam mit zwei Schweizer Verlegern und einem Meininger Buchhändler aus der Insolvenz zu retten und wieder in den Markt zu führen. Der Auftakt verlief auch verheißungsvoll. Was uns Ostdeutschen nicht gelang, vollbrachte der Schweizer Gesellschafter: Ein Geldinstitut vor Ort gewährte dem Verlag eine hohe Kreditlinie. Kaum war das Geld aber verfügbar, verschwand der Mann mit einem hohen Betrag aus der Liquidität in die Schweiz. Das Unternehmen mußte Insolvenz anmelden.
NTI: Die Verlags und Druckerei Fortschritt Erfurt GmbH, deren Geschäftsführer Sie damals waren, hat daraufhin noch einen Rettungsversuch gestartet?
TAUDIEN: Es gab schon noch Möglichkeiten, den Verlag erneut zu retten. Unser Erfurter Unternehmen hätte seine Forderungen aus den Druckleistungen kapitalisieren und den Verlag als Alleingesellschafter weiterführen können. Das wäre auch eine gute Lösung für die Erfurter Druckerei gewesen, unabhängig davon, wie ihre Privatisierung dann verlaufen ist. Die Treuhandanstalt war jedoch anderer Meinung. Sie wollte den Greifenverlag ganz offensichtlich loswerden. Der Herr aus der Schweiz ist übrigens nie von deutscher Seite belangt worden.
NTI: Sie werden in diesem Jahr 74 und sind seit fünf Jahren im Ruhestand. Was bewegt Sie, wenn Sie Ihr zweigeteiltes Berufsleben Revue passieren lassen?
Druckhaus Gera-Gründer Jürgen Taudien (3. von links) neben Thüringens Landtagspräsidentin Birgit Diezel (CDU), rechts, und Schlagersängerin Christine Rommel zur 15-Jahr-Feier seines Unternehmens - stetige Anpassung an die Markterfordernisse. (FOTO DHG-ARCHIV)TAUDIEN: Es war eine schöne, wenn auch nicht immer leichte Zeit. Wir haben uns als Fachleute und als Menschen in der Marktwirtschaft ebenso behauptet, wie uns das zu DDR­Zeiten gelungen ist. Mehr noch: Mich erfüllt Genugtuung, wenn wir es als „unerfahrene Unternehmer“ in der Marktwirtschaft fertig­ gebracht haben, ein Druckhaus erfolgreich aufzubauen, am Markt zu etablieren und gute Bilanzen vorzulegen. In diesen Tagen werden viele Firmen 20 Jahre alt. Andere in Thüringen haben dieses Alter nach der Wende nicht er­ reicht. Und inzwischen ist eine Zeit an­ gebrochen, in der gestandene Marktwirtschaftler auch von ostdeutschen Unternehmern lernen können. Die wichtigste Erkenntnis, und da wiederhole ich mich – lautet: Wer Erfolg haben will, muß künftig verstärkt auf die Einbeziehung der Mitarbeiter in die Entscheidungsabläufe setzen und ihnen Verantwortung übertragen.
NTI: Haben sich Ihre Hoffnungen und Wünsche, die Sie mit der Wende verbanden, erfüllt? Fühlen Sie sich als Verlierer? Oder doch eher als Gewinner?
Jenoptik-Sanierer Lothar Späth im September 2000 bei einem Besuch im Druckhaus Gera im Gespräch mit Geschäftsführer Jürgen Taudien und weiteren Gesellschaftern des Unternehmens - „Stätte gemeinsamen Wirkens.“ (FOTO DHG-ARCHIV)TAUDIEN: Teils, teils. Wir wurden in der DDR erzogen und ausgebildet, die Aufgaben unter allen Bedingungen zu erfüllen. Dem habe ich mich zeit meines Lebens gestellt und blicke heute mit Genugtuung auf die Zeit nach der wiedergewonnenen deutschen Einheit und damit auf das eigentliche Ende des Zweiten Weltkrieges zurück. Wir wurden keine Millionäre, wie mancher glaubt. Ich lebe heute noch in der gleichen Plattenbauwohnung in der Erfurter Altstadt wie 1986. Sie wurde rekonstruiert, hat ein super Wohnumfeld, ermöglicht Spaziergänge in die immer schöner werdende Stadt. Und wenn das Wetter kalt und neblig ist, fliegen wir auch mal in den Süden. Das ist für uns neu und war in der DDR nicht möglich.
NTI: Also am Ende doch eher ein Gewinner als ein Verlierer der politischen Wende?
TAUDIEN: So ist es. Mein Lebensmotto war immer: Es kommt nicht darauf an, was man hat, sondern was man gemacht hat. Ich bin mit mir im reinen.
Gesprächspartner war KLAUS RANGLACK.
 
Zur Person
Jürgen Taudien, Jahrgang 1940, wurde in Schivelbein (West- Pommern) geboren. Die Familie mußte ihre Heimat nach dem Zweiten Weltkrieg verlassen und fand in Wernigerode (Harz) ein neues Zuhause.
Nach der Grundschule absolvierte Jürgen Taudien eine dreijährige Lehre als Reproduktionsfotograf (Facharbeiter im Druckereigewerbe 1958) und wurde im Jahr darauf zum Studium an die Ingenieurschule für Polygrafie in Leipzig delegiert (Abschluß 1962). Im gleichen Jahr siedelte er nach Erfurt über, arbeitete hier zunächst als Brigadeleiter im Topografischen Dienst und wechselte 1964 in die SED-eigene Druckerei Fortschritt, in der er unter anderem an der Umstellung der Zeitungsproduktion auf das moderne Rollenoffsetverfahren mitwirkte. Nachdem er in verschiedenen Leitungsfunktionen mit wachsender Verantwortung tätig war, wurde er 1986 zum Betriebsdirektor berufen. Diese Aufgabe nahm er bis 1990 wahr. 1975 hatte Jürgen Taudien an der Hochschule für Gesellschaftswissenschaften in Berlin ein Fernstudium aufgenommen, das er 1980 erfolgreich abschloß. 1960 in die SED eingetreten, kehrte er der Partei 1989 den Rücken.
Im Zuge der Entflechtung ging aus dem Grafischen Großbetrieb Druckerei Fortschritt Erfurt nach der politischen Wende 1990 die Verlags und Druckerei Fortschritt Erfurt GmbH (VDFE) mit Jürgen Taudien als treibender Kraft und Geschäftsführer hervor. Das Unternehmen entwickelte sich, auch dank der Unterstützung namhafter westdeutscher Konzerne, zunächst gut, wurde 1994 aber von der Treuhandanstalt aufgrund von Restitutionsansprüchen an eine bayerische Erbengemeinschaft zurückübertragen.
Eine Zusammenarbeit mit den neuen Besitzern war für Jürgen Taudien nicht vorstellbar. Er schied aus dem Unternehmen aus und nahm das Angebot des WAZ-Konzerns an, dessen bereits privatisierte Akzidenzdruckerei in Gera zu kaufen. Den Erwerb ermöglichten ihm Partner aus dem nordrhein-westfälischen Meckenheim. Mit ihrer Unterstützung und dem Engagement ehemaliger Fortschritt-Mitarbeiter wurde das nun als Druckhaus Gera firmierende Unternehmen ab 1994 schrittweise modernisiert und erfolgreich in den Markt geführt; es schreibt seit Jahren schwarze Zahlen. 2008 legte der 68jährige die Leitung des Druckhauses in jüngere Hände.
Jürgen Taudien ist verheiratet. Er kümmert sich in der Familie um zwei erwachsene Kinder und zwei Enkelkinder. Sein Lebensmittelpunkt ist Erfurt.
NTI-Ausgabe 1+2 / 2014

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