„Einkreisen: Besser heute als morgen“

Landrat a. D. Dr. Martin Kaspari mit Inka von Gramont, die dreijährige Hundedame hat ihrem Besitzer schon zahlreiche Preise gewonnen. (FOTO Klaus Ranglack)

Der Arzt Dr. Martin Kaspari (CDU) war – wie er selbst gern erzählt – die siebente Wahl, als der Landkreis Eisenach am 6. Juni 1990 seinen ersten Nachwende-Landrat bestimmte. Und er wurde später, im Zuge der Gebietsreform von 1994, auch der erste Mann an der Spitze des neuen Wartburgkreises. In seine 16jährige Amtszeit fällt die Kreisfreiheit von Eisenach. Der Wartburgkreis habe seine „Perle verloren“, kommentierte er die Trennung damals in der NTI. Wie denkt der heute 72jährige darüber?

Hut ab vor diesem Mann. In den 80er Jahren baute er sein Haus am Hang des Eisenacher Liliengrundes mit sehr viel Eigenleistungen. Der Garten am Haus reichte ihm später nicht; er legte sich noch einen 2800 Quadratmeter großen Wirtschaftsgarten zu. Holt die Stämme für die häusliche Heizung selbst aus dem Wald, sägt und zerkleinert sie. Und ist leidenschaftlicher Jäger, der mit einem Mitpächter in jeder Saison etwa 20 Wildschweine und ebenso- viel Rehwild erlegt. Unter anderen Umständen hätte er auch Schafe und Hühner gehalten. Doch es blieb bei Hunden, und als letztem in der Reihe bei der dreijährigen Rauhhaardackel-Dame Inka von Gramont. – Vor allem aber war Dr. Martin Kaspari 25 Jahre Arzt. Und danach 16 Jahre Landrat im Wartburgkreis.



NTI: Herr Kaspari, was kommt Ihnen zuerst in den Sinn, wenn Sie an Ihre Zeit als erster Nachwende-Landrat des Wartburgkreises denken?
KASPARI: Die Aufbruchsstimmung, die in den ersten beiden Jahren nach der friedlichen Revolution herrschte. Wir fühlten uns, als könnten wir Berge versetzen und waren voller Zuversicht, daß wir in kürzester Zeit westdeutsche Verhältnisse erreichen. Das war leider ein Trugschluß. Und die Euphorie legte sich dann auch schnell. Nach mehr als 20 Jahren haben wir es zum Beispiel immer noch nicht geschafft, in puncto Arbeitsproduktivität mit den alten Ländern gleichzuziehen.
„Das hält man auf die Dauer nicht durch.“, damaliger Wartburgkreis-Landrat Dr. Martin Kaspari (CDU) an seinem Schreibtisch. (FOTO NTI-Archiv)NTI: Sie waren 25 Jahre Arzt, als die politische Wende einsetzte. Im Juni 1990 wechselten sie von einem Tag auf den anderen in die Kommunalpolitik. Ärzte hatten sich bis dahin weitgehend aus der Politik herausgehalten. Warum dieser Wechsel?
KASPARI: Die Proteste im Herbst 89 erfaßten schnell auch die Mitarbeiter der Poliklinik Eisenach, in der ich als Facharzt für Hautkrankheiten angestellt war. Eine Reihe Ärzte schloß sich zusammen und drängte auf Veränderungen. Unsere Diagnose damals: Der Unrechtsstaat DDR steht kurz vor dem Kollaps.
NTI: Unrechtsstaat? Es gibt hierzulande nicht wenige, die in der DDR keinen Unrechtsstaat sehen.
KASPARI: Ja, Unrechtsstaat! Und ich weiß, wovon ich rede. Mein Vater war Landarzt im Sperrgebiet, hart an der Grenze zu Hessen und Niedersachsen. In seine Praxis brachten sie Tote, Verstümmelte und Verletzte, die auf Minen getreten oder von Volkspolizisten und Grenzern an der Flucht in den Westen gehindert worden waren. Damals war ich zwölf Jahre alt.
NTI: Sie sind trotzdem kein Widerstandskämpfer geworden?
KASPARI: Ich war nie ein Freund des Sozialismus. Doch zum Widerstandskämpfer reichte es nicht. Davon wollte ich etwas gutmachen. Anfang 1990 trat ich der CDU bei und wurde wenig später als Kandidat für den Eisenacher Kreistag nominiert. Dort wollte ich mich einbringen, im Falle meiner Wahl auch als Kreistags-Präsident. Mehr nicht. Doch es kam anders ...
Landrat Kaspari nach der Vereidigung im Juli 1994, „Damals haben wir über Parteigrenzen hinweg nach den besten Lösungen suchen können, ohne daß uns jemand gleich in die Suppe gespuckt hätte.“ (FOTO NTI-Archiv)NTI: Damals wurde der Landrat noch vom Kreistag bestimmt ...
KASPARI: ... und die CDU, die die stärkste Fraktion bildete, durfte einen Kandidaten aus ihrer Mitte vorschlagen. Doch einer nach dem anderen sagte aus unterschiedlichsten Gründen ab. Ich war der Siebente und total überrascht, als mich meine Parteifreunde ansprachen. Der erste Wahlgang sollte am nächsten Tag stattfinden. Mehr als 24 Stunden blieben mir und meiner Familie nicht zum Überlegen und Abwägen. Schließlich habe ich „ja“ gesagt: nicht etwa, weil ich plötzlich Landrat werden wollte, sondern vor allem, um die verfahrene Situation zu retten. Natürlich war auch etwas Neugier dabei ...
NTI: ... aber wohl kaum eine Vorstellung von dem, was Sie erwarten würde?
KASPARI: In der Tat, ich hatte keine Ahnung von der Verwaltung eines Landkreises. Da habe ich mich anfangs schon tüchtig ‚reinknien‘ müssen, gleichzeitig aber auch viel Hilfe von westlichen Landrats-Kollegen erfahren. Drei Dinge kamen mir außerdem entgegen: Zum einen das Vertrauen des Kreistages, der mich immerhin mit 93 von einhundert Abgeordneten zum Landrat gewählt hatte; zum anderen die Tatsache, daß ich als Arzt meist an Ort und Stelle schnelle Entscheidungen treffen mußte. Und schließlich die Zeit: In den Anfangsjahren wurde vieles noch nicht so ernst genommen wie heute.
NTI: Im nachhinein gefragt: Haben Sie den Schritt in die Kommunalpolitik bereut?
KASPARI: Nein. Ich habe die Arbeit bis zum letzten Tag mit Freude verrichtet. Auch wenn es nicht immer leichtgefallen ist. Zum Beispiel mußte ich meine ehemaligen Kollegen in der Poliklinik mehr oder weniger zwingen, sich nach westlichem Vorbild niederzulassen. Das hat zum Teil schon einige Überwindung gekostet.
Landrat Kaspari (CDU) mit dem SPD-Kreistagsfraktionschef Ulrich Weldner auf dem Neujahrsempfang des Gewerbevereins Eisenach am 22. Januar 1995 im Gespräch, verfahrene Situation retten. (FOTO NTI-Archiv)NTI: In Ihre Amtszeit fällt die Kreisfreiheit von Eisenach. Der im Zuge der Gebietsreform von 1994 entstandene Wartburgkreis, mit rund 200.000 Einwohnern einer der größten im neuen Land Thüringen, wurde zerschlagen und habe damit, so kommentierten Sie damals in der NTI, seine „Perle verloren“. Sie waren ein entschiedener Gegner der Eisenacher Kreisfreiheit. Sind Sie es immer noch?
KASPARI: Ich bin am 30. Juni 2006 aus dem Amt geschieden und habe mir vorgenommen, mich von diesem Tage an politisch nicht mehr zu äußern. Daran halte ich mich. So viel aber sei gesagt: Für Eisenach gibt es nach meiner Auffassung keine andere Lösung als die Rückkehr in den Schoß des Wartburgkreises. Die finanzielle Situation der Stadt ist sehr angespannt. Sie hat kaum noch Eigenmittel und lebt doch ständig über ihre Verhältnisse. Inzwischen spüren das auch die Einwohner. Die Steuern steigen, die freiwilligen Leistungen werden mehr und mehr eingeschränkt. Nur mit Hilfe des Landes kann in Eisenach zum Beispiel noch eine Weile weiter Theater gespielt werden.
NTI: Die Stadt selbst und auch das Land halten an der Entscheidung allerdings bislang eisern fest. Wohl auch deshalb, weil Eisenach dann im Wartburgkreis eine Stadt von mehreren wäre.
KASPARI: Eisenach hat damals die Chance verpaßt. Die Stadt wäre vermutlich Sitz der Kreisverwaltung geworden. Das Landratsamt, ein Kasernenkomplex, war schon avisiert. Doch die Verantwortlichen wollten es anderes. Nun müssen es die Bürger ausbaden. Die finanzielle Situation läßt, fürchte ich, keinen anderen Ausweg. Denn die Kreisfreiheit kostet die Stadt laut Presseberichten jährlich rund 3,5 Millionen Euro. Eine Menge Geld, mit dem man viel bewegen könnte. Auch deswegen meine ich, daß Eisenach die nächste Gebietsreform als kreisfreie Stadt nicht überstehen wird. Deshalb: Einkreisen! Besser heute als morgen.
NTI: Kreissitz ist 1998 Bad Salzungen geworden ...
KASPARI: ... was die Stadt mit Hilfe des Landkreises auch bestens zu nutzen verstand. Bad Salzungen ist heute ein Schmuckstück. Daß ich als Landrat dazu beitragen durfte, rechne ich zu den guten Seiten meiner 16jährigen Tätigkeit.
NTI: Die Gegner der Eisenacher Kreisfreiheit waren seinerzeit an den Fingern einer Hand abzuzählen. Die Kreishandwerkerschaft gehörte dazu. Und die PDS, die heute Die Linke heißt. Seit wenigen Wochen regiert am Fuße der Wartburg erstmals eine Linke-Politikerin, die bis vor kurzem noch Landtagsabgeordnete war. Wird Katja Wolf mit der Einkreisung Ernst machen?
KASPARI: Da bin ich selbst gespannt. Eisenach steckt in einer Sackgasse. Das Projekt Kreisfreiheit hat der Stadt nichts gebracht. Die Rückkehr in den Schoß des Wartburgkreises wäre nur eine logische Konsequenz.
Kommunalpolitiker Kaspari zum traditionellen Bockbieranstich in Kaltennordheim, Arbeit mit Freude verrichtet. (FOTO NTI-Archiv)NTI: Anderen kreisfreien Städten geht es nicht viel besser als Eisenach. Weimar barmt. Suhl pfeift aus dem vorletzten Loch. Selbst Jena und Gera sind nicht auf Rosen gebettet.
KASPARI: Im Grunde genügt in Thüringen nur eine Stadt den Kriterien der Kreisfreiheit. Und das ist die Landeshauptstadt Erfurt. Die Sachsen haben es uns doch vorgemacht. Dort sind lediglich Leipzig, Dresden und Chemnitz kreisfrei. Und das geht. Sehr gut sogar.
NTI: Wenn von der nächsten Gebietsreform die Rede ist, dann geht es zuerst und vor allem um Großkreise, wie der Wartburgkreis mit der Stadt Eisenach einer geworden wäre. Sind Großkreise das Allheilmittel, um Geld zu sparen?
KASPARI: Ob man mit Großkreisen wirklich so viel sparen kann, weiß ich nicht. Der Wartburgkreis ist mit seinen Mitteln gut hingekommen. Wir haben damals eine der geringsten Kreisumlagen in Thüringen erhoben. Und als ich den Landkreis abgeben habe, lag die Pro-Kopf- Verschuldung bei gerade einmal fünf Euro; sie fiel im Lauf des Jahres sogar noch auf Plus-minus-Null. Übrigens: Der Landkreis Hildburghausen, der damals engagiert für seine Selbständigkeit gestritten hat, zeigt – zumindest war das bis 2006 so –, daß man auch als kleiner Landkreis seine Finanzen im Griff haben kann.
NTI: Wenn Sie die Situation heute mit der vergleichen, in der Sie regiert haben – was hat sich verändert?
KASPARI: Die Gesetzeslage zieht sehr viel engere Grenzen als zu meiner Zeit. Damals haben wir weitgehend über Parteigrenzen hinweg nach den besten Lösungen suchen können, ohne daß uns jemand gleich in die Suppe gespuckt hätte, wie man das heute fast täglich in der veröffentlichten Meinung lesen kann.
NTI: Das heißt?
KASPARI: Das heißt, Kommunalpolitik muß auch und nicht zuletzt langfristig angelegt sein. Ihren Akteuren sollte Zeit eingeräumt werden, über Probleme nachzudenken und im Meinungsaustausch Lösungen zu finden. Daran hat es zuletzt auch schon in meiner Zeit gemangelt. Es gibt Wahrheiten, die kann man heute leider nicht laut sagen, ohne Kopf und Kragen zu riskieren.
Wartburgkreis-Landrat Martin Kaspari während eines Interviews mit  NTI-Redakteur Klaus  Ranglack im Januar 1998, Gegner der Eisenacher Kreisfreiheit waren damals an einer Hand abzuzählen. (FOTO Andreas Kühn)NTI: Sie sind 2006 nicht noch einmal zur Landrats-Direktwahl angetreten. Warum?
KASPARI: Mit 66einhalb Jahren hatte ich die Altersgrenze erreicht. Eine nochmalige Kandidatur, die dann die vierte gewesen wäre, ließ die Kommunalordnung nicht zu. Und ehrlich: 16 Jahre Landrat haben gereicht. Anfangs wollte ich immer der Erste im Amt sein und abends der Letzte. Das habe ich später zwar reduziert. Für die Familie und viele andere Dinge, die ich gern mache, blieb dennoch meist nur der Sonntag. Das hält man auf die Dauer nicht durch.
NTI: Nun ist Zeit für „viele andere Dinge“, die Sie „gern machen“. Wie sieht Ihr Ruhestand aus?
KASPARI: Ich bin auf dem Land groß geworden und der Landwirtschaft trotz weißem Kittel, Schlips und Kragen immer verbunden geblieben. Körperliche Arbeit schreckt mich nicht. Im Gegenteil: Ich habe sie immer als angenehmen Ausgleich zur beruflichen Tätigkeit empfunden. Das koste ich heute wieder voll aus: im Garten am Haus und in einem 2800 Quadratmeter großen Wirtschaftsgarten, als Jäger mit eigener Pacht und nicht zuletzt als Hundenarr, der selbst einen Hund sein eigen nennt, eine Rauhhaardackel-Dame, die ihrem Besitzer schon so manchen Preis gewonnen hat ... Von Ruhestand kann also nicht die Rede sein. Seit meiner Pensionierung haben ich noch keine Sekunde Langeweile verspürt.
Mit dem ersten Nachwende-Landrat des Wartburgkreises, Dr. Martin Kaspari, sprach KLAUS RANGLACK.
 
NTI-Ausgabe 6/2010
 

Zur Person
Martin Kaspari, Jahrgang 1940, wurde in Göttingen geboren und ist in Hohengandern (thüringisches Eichsfeld) aufgewachsen. Am Bischöflichen Knabenseminar im nahen Heiligenstadt erwarb der Internatsschüler 1958 das Abitur. Aufgrund seiner Herkunft – der Vater war Landarzt in Hohengandern – wurde ihm das angestrebte Medizinstudium zunächst verweigert. Er meldete sich daraufhin zu einem einjährigen Einsatz an der Rapp-Bode-Talsperre im Harz, wurde dann jedoch der „sozialistischen Großbaustelle Schwarze Pumpe“ zugeteilt, die ihn 1959 zum Studium an die Friedrich-Schiller-Universität in Jena delegierte.
Von 1959 bis 1965 studierte Martin Kaspari in Jena Medizin. Anschließend absolvierte er eine vierjährige Ausbildung zum Facharzt für Hautkrankheiten (Promotion 1966) und fand danach an der Poliklinik in Eisenach seine erste und einzige Anstellung als Arzt, die er ununterbrochen bis 5. Juni 1990 ausübte.
In den Wende-Monaten schlossen sich Ärzte der Poliklinik zusammen und drängten auf Veränderungen. Im Februar 1990 trat Dr. Kaspari der CDU bei und kandidierte zur ersten freien Kommunalwahl im Mai des gleichen Jahres erfolgreich für den Kreistag Eisenach. Ursprünglich als Kreistags-Präsident nominiert, schlug ihn die CDU als stärkste Fraktion im neuen Kreistag erst unmittelbar vor der Abstimmung am 6. Juni 1990 für die Wahl zum Landrat vor. 93 von einhundert Abgeordneten votierten für Martin Kaspari, der vier Jahre später auch die erste und 2000 dann die zweite Direktwahl gewann. Zur Kommunalwahl 2006 durfte er aus Altersgründen nicht mehr antreten.
Martin Kaspari ist verheiratet, zweifacher Vater und vierfacher Großvater. Die Familie lebt mit ihrem behinderten Sohn in Eisenach. Vor wenigen Wochen wurde sein 16jähriges Wirken für den Wartburgkreis mit dem Thüringer Verdienstorden, der höchsten Auszeichnung des Freistaates, gewürdigt. Seine zahlreichen ehrenamtlichen Funktionen – er war unter anderem 20 Jahre Vorsitzender des DRK-Kreiskomitees in Eisenach und nach der politischen Wende DRK-Präsident des Landesverbandes Thüringen – hat er bis auf die Mitgliedschaft in der Ehrenamtsstiftung nach und nach abgegeben. Die Freizeit gehört heute vor allem dem Haus- und einem großen Wirtschaftsgarten, der Jagd und dem Verband der Hundezüchter, in dem er als Leistungsrichter tätig ist.

Thüringen aktuell

Wohin in Thüringen?

Meine NTI Online
Aktueller Titel

Benutzeranmeldung
In der nächsten NTI

Der Stadtumbau geht weiter!
Die Ausgabe 2/2017 berichtet über die Herausforderung, wachsende Städte und schrumpfende Regionen im Freistaat gemeinsam zu entwickeln.

Werbung