„Die Mühen der Ebene nicht scheuen“

„Die allgemeine Kondition ist gut“, Thüringer Vizeregierungschef Dr. Gerd Schuchardt (SPD) im Ruhestand. (FOTO Privatarchiv)

Sein Einsatz für den Erhalt des Produktions- und Wissenschaftsstandortes Jena führte ihn zu Wendezeiten in die Politik. Als Spitzenkandidat der SPD für die Landtagswahl 1994 holte er knapp 30 Prozent der Wähler- stimmen und war dann in Thüringens erster Koalitionsregierung aus CDU und SPD Vize-Regierungschef und Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Nach der Wahlschlappe 1999 trat Dr. Gerd Schuchardt – ob- wohl er nach seiner Auffassung diese Niederlage nicht zu verantworten hatte – ins zweite Glied zurück und kehrte der Landespolitik fünf Jahre später endgültig den Rücken.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Ein Spruch, der auf die Schuchardts in Jena zutrifft wie die Faust aufs Auge. Vater Gerd wäre in Dresden Professor geworden, hätte er damals den Werbern der SED nicht widerstanden. Sohn Dietmar ist seit sechs Jahren Professor in Leipzig. Auch die Arbeitsgebiete beider liegen so weit nicht auseinander. Der Ältere war Hochpräzisionstechniker; der Jüngere ist angewandter Mathematiker. Noch näher sind sich Vater und Sohn auf dem weiten Feld der Politik. Senior Gerd Schuchardt saß 14 Jahre im Thüringer Landtag; Junior Dietmar ist als Direktkandidat auf dem Sprung dorthin. Einen Unterschied allerdings gibt es doch: Dr. Gerd Schuchardt ist Mitglied der SPD; Prof. Dr. Dietmar Schuchardt gehört der CDU an.
NTI: Herr Schuchardt, haben Sie als politisches Vorbild Ihres Sohnes einen Fehler gemacht?
SCHUCHARDT: Das Vorbild des Vaters scheint ihn eher inspiriert zu haben. Ich finde es gut, daß er sich in einer demokratischen Partei politisch engagiert. Natürlich hätte ich es lieber gesehen, wenn er zur SPD gekommen wäre. Aber davon haben ihn vielleicht einige Interna abgehalten, die er seinerzeit in der Familie hautnah miterlebt hat. Wir verstehen uns politisch trotzdem bestens. Ich müßte lange überlegen, wo wir in wichtigen politischen Dingen ernsthaft anderer Meinung waren.
NTI: Ihr Sohn ist CDU-­Direktkandidat in Jena und trifft hier auf den SPD-­Landesvorsitzenden Christoph Matschie. Für wen schlägt Ihr Herz?
SCHUCHARDT: Der Sozialdemokrat in mir wünscht es dem Sozialdemokraten; das Vaterherz schlägt für den Sohn.
NTI: Sie selbst sind seit zehn Jahren politisch nicht mehr aktiv. Doch unlängst war Ihre Meinung wieder gefragt, als es um den Einfluß der Politik auf den öffentlich­rechtlichen Rundfunk ging. Nicht unmaßgebliche Leute kritisieren immer mal wieder die Zusammensetzung der Rundfunkräte. Was meinen Sie?
SCHUCHARDT: Ich gehöre dem MDR­-Verwaltungsrat seit über zehn Jahren an, war von 2010 bis 2012 – als die Betrugsvorwürfe gegen KiKa­M-itarbeiter, der Intendanten­Rücktritt und die Neuwahl hohe Wellen schlugen – dessen Vorsitzender und bin gegenwärtig stellvertretender Vorsitzender. In dieser Zeit habe ich keine parteipolitischen Diskussionen erlebt. Im übrigen: Der MDR ist eine Drei­Länder­Anstalt. Die Zusammensetzung des Rundfunkrates regelt ein Staatsvertrag, den die Regierungen und die Landtage in Thüringen, Sachsen und Sachsen­Anhalt beschlossen haben. Die Anstalt selbst hat auf die Zusammensetzung der Gremien keinen Einfluß.
Dr. Gerd Schuchardt auf einer nächtlichen Straßenbarrikade für den Erhalt des Produktions­ und Wissenschaftsstandortes Jena - Widerstand über Parteigrenzen hinweg initiiert. (FOTO Privatarchiv)NTI: Daß Sie Volleyball gespielt haben und das zeitweise sogar in der DDR­Liga, wissen wir. Aber was ist dem 72jährigen davon geblieben?
SCHUCHARDT: Volleyball ist tabu. Die Knie machen nicht mehr mit. Ansonsten gibt es aber keinen Grund zur Klage. Die allgemeine Kondition ist gut. Im Sommer wird mehr oder weniger regelmäßig gejoggt und gewandert, im Winter Ski gelaufen. Das hält fit und ist ein guter Ausgleich für die ehrenamtliche Tätigkeit. Denn ich bin zwar Pensionär, aber längst nicht im Ruhestand, und habe noch keinen Tag Langeweile gehabt. Manche Ehrenämter sind sehr zeitaufwendig; sie machen zum Teil richtig Arbeit. Aber sie bereiten auch viel Freude. Ich möchte sie nicht missen.
NTI: Als Nationalpreisträger, Inhaber mehrerer Patente, Landtagsabgeordneter in drei Legislaturperioden und ehemaliger Vize­Ministerpräsident – auch materiell dürften Sie keinen Grund zur Klage haben?
SCHUCHARDT: Der Nationalpreis hat sich längst erledigt. Ebenso die Patente. Sie spielten in der DDR ohnehin nie die Rolle wie im Westen. Ich bin zufrieden, wie es jetzt läuft. Wir kommen gut zurecht.
NTI: Rückblende: Als die politische Wende einsetzte, waren Sie in Jena ein angesehener Wissenschaftler. Wie haben Sie diese ereignisreichen Wochen und Monate erlebt?
SCHUCHARDT: Nach der Euphorie, daß nun alles besser und freier würde, stellte sich schnell eine gewisse Besorgnis ein, die in der Frage gipfelte: Was wird nun aus den Zeiss­ und den Schott­Werken? Und: Was wird aus der Carl­-Zeiss­-Stiftung, die bis zur Umwandlung der Betriebe in VEB, also in Staatseigentum, selbst und statutengemäß Eigentümer dieser Werke war? Die Gefahr wuchs von Tag zu Tag, daß der Produktions­ und Wissenschaftsstandort Jena den Bach ‘runter geht. Dagegen bin ich öffentlich Sturm gelaufen und habe über Parteigrenzen hinweg Widerstand initiiert.
NTI: Widerstand in welcher Form?
Politische Begegnung auf dem Parkett, Dr. Gerd Schuchardt (SPD) trifft auf dem Jenaer Philharmonieball 1995 auf Jenas Oberbürgermeister Dr. Peter Röhlinger (FDP). (FOTO wst-Archiv)SCHUCHARDT: Wo immer sich Gelegenheit bot, auf Versammlungen, Kundgebungen und Demonstrationen, haben wir das juristische Horrorszenario entlarvt, das sich hinter den Kulissen abspielte. Den Höhepunkt bildeten dann Straßenbarrikaden, die wir zu nächtlicher Stunde auf allen Zufahrtsstraßen Jenas errichteten. Das alles blieb in Berlin nicht ohne Wirkung und hat schließlich dazu geführt, daß die Treuhand einlenken mußte. Der Kampf hatte sich gelohnt. Kurz vor der Wiedervereinigung stand fest, daß Jenas wichtigste Unternehmen unter ihren traditionellen Namen eine Zukunft haben werden und die Carl-­Zeiss­-Stiftung am Ort ihrer Gründung fortbestehen kann.
NTI: Sie waren zu DDR­Zeiten ein unpolitischer Mensch …
SCHUCHARDT: … Einspruch. Ist einer, der sich bewußt – und das nicht nur einmal! – kategorisch den Werbern der SED verweigert, ein unpolitischer Mensch? Ich hätte eine akademische Laufbahn einschlagen können und wäre zu diesem Zeitpunkt einer der jüngsten Professoren in der DDR gewesen. Aber eben nur als Mitglied der SED. Darauf habe ich verzichtet. Und Kombinatsdirektor Biermann hat es schließlich auch zu verhindern gewußt.
NTI: ... Von null auf hundert, vom parteilosen DDR­Bürger zum stellvertretenden Thüringer Ministerpräsidenten – wie kam es dazu?
SCHUCHARDT: Nichts lag mir damals ferner, als Politiker zu werden. Zumal es mehrere verlockende Angebote für eine wissenschaftliche Karriere ohne DDR­ Fesseln gab. Doch mit unserem letztlich erfolgreichen Widerstand hatte ich mir offensichtlich nicht nur in Jena einen Namen gemacht. Beinahe nahtlos war ich in politische Verantwortung hineingewachsen. Beides ging auf die Dauer aber nicht. Ich entschied mich für das politische Engagement, das mir in dieser Zeit des Umbruchs als das wichtigere erschien.
NTI: Wer A sagt, muß auch B sagen.
SCHUCHARDT: Ich trat der SDP bei, die sich kurz darauf der SPD anschloß, gelangte über die Landesliste in den ersten Thüringer Landtag nach der politischen Wende, und als uns nach der Wahl 1990 der Spitzenkandidat abhanden gekommen war, wurde ich unvermutet vor die Entscheidung gestellt, den Fraktionsvorsitz zu übernehmen. Ich habe wohl zehnmal nein gesagt und darüber eine schlaflose Nacht verbracht. Nachdem mich aber auch meine Jenaer Freunde ermutigt hatten, willigte ich ein.
NTI: Vier Jahre Oppositionsführer, dann Spitzenkandidat und schließlich fünf Jahre stellvertretender Ministerpräsident in Thüringen. Wenn Sie auf diese beweg­te Zeit zurückblicken, was ist Ihnen am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben?
Beitrag zu einer blühenden Stadt geleistet (NTI­Titel zu Jena, Ausgabe 10/2011).SCHUCHARDT: Die Jahre als Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Sie stellten zumindest ansatzweise eine Rückkehr in den Wissenschaftsbetrieb dar, wenn auch nicht mehr als Forscher, sondern als Organisator.
NTI: Welche Ergebnisse Ihrer Arbeit haben aus dieser Zeit noch Bestand?
SCHUCHARDT: Da steht meine Wahlheimat ganz oben auf der Liste. Jena ist heute eine blühende Stadt. Industrie und Forschung brummen. Mit dem Forschungsverbund von Universität, Fachhochschule, Planck­ und Fraunhofer­Instituten und anderen ist ein großer, hochanerkannter Wissenschaftskomplex entstanden, der den Ruf der Stadt in viele Teile der Welt trägt. Daß ich dazu einen Beitrag geleistet habe, erfüllt mich heute mehr denn je mit Genugtuung. Deshalb freute es mich auch besonders, als mir die Stadt vor wenigen Jahren gerade auch für dieses Engagement die Ehrenbürgerschaft verlieh.
NTI: Abgesehen von Jena, was steht noch auf der Habenseite?
SCHUCHARDT: Die Verbundforschung in Thüringen, die wir auf den Weg gebracht haben, und zahlreiche Förderprogramme, mit denen die Kompetenzen von Universitäten, Fachhochschulen und Forschungseinrichtungen des Freistaates zur Bearbeitung gemeinsamer Projekte zusammengeführt wurden. Schließlich war es mein Bestreben, die Netzwerke zwischen Industrie und Forschungseinrichtungen in Thüringen neu zu knüpfen, die sich nach dem wirtschaftlichen Umbruch völlig aufgelöst hatten. Viele der umgewandelten und neu entstandenen Unternehmen waren finanziell nicht in der Lage, eigene Forschungsabteilungen zu unterhalten. Da hat das Land geholfen. Vielfach mit außerordentlichem Erfolg. Das wirkt zum Teil heute noch.
NTI: Was schmerzt vielleicht auch heute noch?
SCHUCHARDT: Gleich zum Auftakt meiner Amtszeit hagelte es Kritik, und zwar für eine Entscheidung, die unter meinem Vorgänger getroffen worden war und eigentlich schon herbeigeführt sein sollte: nämlich der Trägerwechsel der Philharmonie Suhl. Das Haushaltgesetz sah vor, daß das Orchester vom Land in die Trägerschaft der Stadt übergeht und Suhl einen angemessenen finanziellen Anteil übernimmt. Der Suhler Oberbürgermeister weigerte sich jedoch, und ich stand plötzlich als Buhmann da, der von allen Seiten beschimpft wurde. Wir haben dann doch noch eine recht gute Lösung gefunden – den Zusammenschluß der Suhler Musiker mit dem Staatlichen Sinfonieorchester Gotha –. und zum Eröffnungskonzert gab es dann sogar sehr viel Beifall. Aber unter die Haut ist mir das Ganze schon gegangen.
NTI: Und was würden Sie, hätten Sie die Möglichkeit, heute anders machen?
Sozialdemokraten Willy Brandt und Gerd Schuchardt, beinahe nahtlos in politische Verantwortung hineingewachsen. (FOTO Privatarchiv)SCHUCHARDT: Eine wesentliche Fehlentscheidung ist mir als Fachminister nicht unterlaufen. Aber ein Lapsus, der für viel Verwirrung und für heftige Diskussionen sorgte: Wir hatten für das Zusammenwirken der Bühnen in Weimar und Erfurt ein Konzept erarbeitet, das in beiden Städten hochwertiges Theater vorsah und von anerkannten Experten gutgeheißen wurde. Bei der Vorstellung machte ich dann aber den Fehler, von einem „Theater Erfurt/Weimar“ beziehungsweise einem „Theater Weimar/Erfurt“ zu sprechen. Das hat viele Leute in beiden Städten verprellt, weil sie daraus den Schluß zogen, mit einer Fusion beider Ensembles verlören beide Städte ihr Theater. Das war aber nie die Absicht. Trotz aller Beteuerungen ist die Diskussion darüber lange Zeit nicht verstummt.
NTI: Eine Reihe Leute ist noch heute der Meinung, daß Sie und die SPD im Koalitionspoker mit Bernhard Vogel und der CDU mehrfach den Kürzeren gezogen hätten. Stichworte: Regionalautobahn durch den Thüringer Wald und Landesverwaltungsamt. Ihre Vorstellungen fanden zwar Eingang in den Koalitionsvertrag, blieben dann aber auf der Strecke. Statt einer Regionalautobahn wurde eine „richtige“ Autobahn gebaut, und das Landesverwaltungsamt existiert immer noch.
SCHUCHARDT: Die Beispiele hinken. Die große Mehrheit in der Partei und auch ich waren durchaus für eine Autobahn durch den Thüringer Wald. Zu denen, die die Wald­Autobahn ablehnten, gehörte jedoch ausgerechnet die damalige SPD-Landesvorsitzende, die auch etwas unter dem Einfluß der seinerzeit noch sehr grünen Vera Lengsfeld stand. Um unsere gegensätzlichen Meinungen im aufkommenden Wahlkampf nicht vor aller Welt auszubreiten, habe ich dann von einer „vierspurigen Bundesstraße mit großen Kurvenradien und ohne Ortsdurchfahrten“ gesprochen. Ich bin froh, daß wir die Autobahn haben. Das Landesverwaltungsamt ist ein anderes Thema. Innenminister in der großen Koalition wurde mit Richard Dewes ein SPD-­Mann. Er hätte versuchen können, die Behörde abzuschaffen. Das war aber kein erstrangiges SPD­-Thema.
NTI: Eine Reihe Leute war damals auch der Meinung, daß die Koalition aus CDU und SPD die vollen fünf Jahre nicht überstehen würde. Die Koalition überdauerte die Legislaturperiode dann, ohne in größere Schwierigkeiten zu geraten. Woran lag es?
 „Auf Vogel war Verlaß.“ (FOTO NTI-ARCHIV)SCHUCHARDT: Es war der Wille der beiden Koalitionspartner und ihrer Repräsentanten. Sie wollten diese Koalition, und sie wollten sie zu einem guten Ende führen. Das ist uns schließlich auch entgegen vieler Unkenrufe gelungen. Wir haben oft nächtelang um die Sache gestritten und um Konsens gerungen und uns dann– wenn wir ihn gefunden hatten – immer konsequent daran gehalten. Auf Vogel war Verlaß. Wobei gesagt werden muß, daß es auch der Regierungschef bei seinen Leuten nicht immer leicht hatte. Daß wir beispielsweise der CDU während der Koalitionsverhandlungen das Innenministerium abtrotzten, stieß in CDU­-Kreisen zum Teil auf heftige Ablehnung.
NTI: Gisela Hilbrecht, die damals noch den Namen Schröter führte, war Landesvorsitzende der SPD, als die Partei bei der Landtagswahl 1994 mit 29,6 Prozent der Stimmen ihr bis heute bestes Wahlergebnis erzielte. Sie waren SPD­Spitzenkandidat und träumten, wie damals in der NTI und anderen Zeitungen zu lesen war, sogar von der absoluten Mehrheit. Frau Schröter aber hatte weder in Ihrem Schattenkabinett Platz noch war sie nach dem Wahlerfolg als Ministerin im Gespräch, obwohl sie als Landesvorsitzende darauf Anspruch hatte. Vielmehr warf sie kurz nach dem Wahltag das Handtuch. „Diese 29,6 Prozent waren wohl auch der Preis, daß ich gehen mußte“, stellte sie im NTI-­Interview an dieser Stelle fest *). Welche Rolle haben Sie damals gespielt?
SCHUCHARDT: Frau Schröter und ich haben uns über die Jahre hinweg ganz gut verstanden; wir konnten menschlich miteinander, was auch heute wieder gilt. Und ich habe sie als Landesvorsitzende vielfach unterstützt. Aber sie war als Bundestagsabgeordnete doch eher in Bonn engagiert als in Thüringen. Ihre massive Ablehnung der Wald­Autobahn hätte der Partei Schaden zugefügt. Mit dieser Position hätten wir keine 29,6 Prozent erzielt. Es gab weitere schwerwiegende inhaltliche Differenzen zwischen uns. Frau Schröter wollte zum Beispiel, daß wir als Option doch auch eine CDU­Minderheitsregierung tolerieren könnten: in meinen Augen ein völlig falscher Ansatz. Außerdem hatte sie in kleinerem Kreis angedeutet, daß sie nicht wieder als Landesvorsitzende zur Verfügung stünde, ist dann aber davon wieder abgerückt. Alles keine guten Voraussetzungen für eine gedeihliche Zusammenarbeit.
NTI: Frau Schröter fühlte sich von Fraktion und Landesvorstand im Stich gelassen. Sie hat Ihnen, der Sie ihr Nachfolger an der Spitze der Landes-­SPD wurden, keine Vorwürfe gemacht, selbst 20 Jahre nach dem schon zitierten NTI­-Interview. Machen Sie sich Vorwürfe?
SCHUCHARDT: Nein, das landespolitische Programm von Gisela Schröter war in dieser Zeit weder Fisch noch Fleisch, weder Opposition noch Regierung. Damit hätten wir vor den Wählern nicht bestehen können. Aber Gisela Schröter hat durchaus ihre Verdienste für die Thüringer SPD.
„Ihr Programm war weder Fisch noch Fleisch“, frühere SPD­Landesvorsitzende Gisela Schröter im Jahr 1994. (FOTO Dieter Schmidt)NTI: Damals formulierten Sie in der NTI das Ziel, nicht nur die Wahl 1994, sondern dann auch die Landtagswahl fünf Jahre später zu gewinnen. Das Gegenteil ist eingetreten. Sie unterlagen im direkten Vergleich Ihrem CDU­Ministerkollegen Trautvetter und Ihre Partei fiel um mehr als zehn Prozent der Wählerstimmen zurück. Worauf führen Sie die Niederlage im nachhinein zurück?
SCHUCHARDT: Ich gehörte damals zu den wenigen, die Geduld in der Ebene forderten und die SPD mit guter Regierungsarbeit dauerhaft als Regierungspartei etablieren wollten. Statt dessen verfingen die Parolen eines Richard Dewes, der auf ziemlich populistische Weise eine neue Option aufmachte, indem er mit der PDS zusammengehen wollte, der einen Parteitag aufmischen konnte und der es verstand, sich selbst in Szene zu setzen. Ich habe davor gewarnt und sollte leider recht behalten. Die Koalition hatte durchaus Erfolge vorzuweisen. Sie sind dann aber vor allem der CDU zugefallen, die aus den Wahlen 1999 mit absoluter Mehrheit hervorging.
NTI: Der Name Dewes ist gefallen. Sie haben mit dieser Personalie für – sagen wir es vorsichtig – erhebliche Unruhe gesorgt. Der Saarländer hat Sie schnell von der Spitze der Landespartei verdrängt und mit seinen Liebeserklärungen an die Linke, die damals noch PDS hieß, beinahe die Spaltung der SPD riskiert. Wie denken Sie heute über diese Zeit?
SCHUCHARDT: Das war – ich gebe es zu – mein größter politischer Fehler. Wir hatten der CDU in den Koalitionsverhandlungen das Innenministerium abgetrotzt und waren im Führungskreis der Thüringer SPD der Auffassung, daß an der Spitze dieses schwierigen Ressorts ein juristisch erfahrener Mann stehen müsse. Dies könne in dieser schwierigen Zeit nur ein Westdeutscher sein. Wie sich hinterher herausstellte, eine glatte Fehleinschätzung. Statt dessen hätten wir eine profilierte Kommunalpolitikerin aus unseren Reihen nehmen sollen, wie sie zum Beispiel mit Nordhausens Oberbürgermeisterin Barbara Rinke gegeben war. Die Spaltung der SPD aber stand zu keinem Zeitpunkt auf dem Spiel. Bei allen Ärgernissen, die es gab – dazu war niemand in der Partei bereit. Meine Warnung, daß uns Dewes mit seiner Taktik um viele Jahre zurückwerfen würde, hat sich allerdings bestätigt.
NTI Sind Sie immer noch ein Gegner jedweder Zusammenarbeit mit den dunkelroten Genossen?
SCHUCHARDT: Dazu will ich mich nicht mehr äußern. Meine persönliche Haltung ist bekannt. Über die Zukunft der Thüringer SPD soll die Generation entscheiden, die jetzt Verantwortung trägt.
„Es gibt kein wie auch immer geartetes Verhältnis“, westimportierter Sozialdemokrat Richard Dewes. (FOTO Dieter Schmidt)NTI: Das hört sich an, als sei Ihre Meinung in der Thüringer SPD nicht mehr gefragt?
SCHUCHARDT: Sagen wir so: Ich werde nur noch selten gefragt. Damals, als die Auseinandersetzungen zwischen Dewes und Christoph Matschie ihren Höhepunkt erreichten, habe ich mich massiv eingemischt. Heute dränge ich mich nicht mehr auf.
NTI: Teilen Sie vielleicht inzwischen die Auffassung der Parteiführung, die unter Umständen sogar einen linken Ministerpräsidenten mit wählen würde?
SCHUCHARDT: Nein.
NTI: Welches Verhältnis haben Sie heute zu Richard Dewes?
SCHUCHARDT: Es gibt kein wie auch immer geartetes Verhältnis.
NTI: 29,6 Prozent zur Landtagswahl 1994, fünf Jahre später 18,5 Prozent und 2004 gar nur noch 14,5 Prozent. Die 18,5 Prozent im Spätsommer 2009 sind da nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Thüringer SPD hat das Tief, in das sie während der Großen Koalition unter Bernhard Vogel gefallen ist, noch immer nicht überwunden. Was müssen Ihre Nachfolger in Partei und Fraktion anders machen, um zumindest wieder zweitstärkste politische Kraft zu werden?
SCHUCHARDT: Ich sehe nur einen Weg: Die Mühen der Ebene nicht scheuen, solide arbeiten und auf jedes Spektakel verzichten. Diese Einstellung scheint in Partei und Fraktion wieder um sich gegriffen zu haben.
NTI: Thüringen wird seit mehr als vier Jahren wieder von einer CDU/SPD­Koalition regiert. Wie beurteilen Sie ihre Arbeit?
SCHUCHARDT: Als Vorgänger steht mir ein Urteil nicht zu.
NTI: Die SPD hat den Anspruch, eine Volkspartei zu sein. In Thüringen ist sie davon offensichtlich noch ein gutes Stück entfernt.
SCHUCHARDT: Eine Volkspartei mißt sich nicht nur an den Prozenten, die sie bei einer Wahl auf sich vereint. Wichtiger ist es, daß sie keine Klientel­Partei ist, sondern immer die Interessen der Bevölkerung auf allen Feldern im Blick hat: Gewerkschaft und Wirtschaft, Familien, Sozialschwache, Rentner, Zuwanderer, Intellektuelle … Von daher ist die SPD in Thüringen schon eine Volkspartei, auch wenn sie sicher einigen Nachholbedarf hat. Sie darf diesen Anspruch allerdings nie aufgeben. Dann werden sich auch wieder bessere Ergebnisse einstellen.
Thüringer Landtagspolitiker Gerd Schuchardt (SPD) im Jahr 1993 auf einer Protestveranstaltung im Kugellagerwerk Zella­Mehlis, Entscheidung für politisches Engagement. (FOTO Erhard Schorcht)NTI: Matthias Machnig, Thüringens erster SPD­Wirtschaftsminister, hat für viel Wind in der Partei und in der Regierung gesorgt, aber dem Ansehen der Partei mit seinen Doppelbezügen auch beträchtlichen Schaden zugefügt. Könnte sich das auf das Wahlergebnis am 14. September auswirken?
SCHUCHARDT: Die juristische  Seite seiner Doppelbezüge ist sicher nicht eindeutig. Die politische Wirkung aber steht außer Frage. Machnig hat der Thüringer SPD damit schweren Schaden zugefügt. Nachfolger Uwe Höhn war eine gute Wahl. Er könnte dafür sorgen, daß die Wunde, die sein Vorgänger geschlagen hat, schnell verheilt.
NTI: Die SPD nominierte für den Wahlgang am 14. September Sozialministerin Heike Taubert als Spitzenkandidatin. Hat Sie das überrascht?
SCHUCHARDT: Nein, denn Heike Taubert ist eine gute Wahl. Sie leistet als Sozialministerin solide Arbeit, ist eine kompetente und zugleich sympathische Person und stellt zur Amtsinhaberin Christine Lieberknecht einen interessanten Kontrapunkt dar. Dieser Wahlkampf zwischen zwei fast gleichaltrigen profilierten Frauen ist etwas Besonderes. Heike Taubert hat meine Unterstützung.
NTI: Wagen Sie eine Prognose über den Ausgang der Landtagswahl am 14. September?
SCHUCHARDT: Nein, im Gegensatz zu früheren Wahlen habe ich diesmal kein Gefühl. Und bis zum Wahltag fließt noch viel Wasser die Saale runter. Ich hoffe aber, daß meine Partei mindestens wieder zweitstärkste politische Kraft in Thüringen wird.
Mit Dr. Gerd Schuchardt, stellvertretender Ministerpräsident a. D., sprach KLAUS RANGLACK.
 
 
Zur Person
Gerd Schuchardt, Jahrgang 1942, wurde in Erfurt geboren, besuchte in Greiz und Erfurt die Grundschule und erlernte im Funkwerk Erfurt den Beruf eines Funkmechanikers. Nach seinem Armeedienst (1960 bis 1962) legte er an der Arbeiter- und Bauernfakultät in Halle das Abitur ab (1962 bis 1964) und studierte anschließend an der Technischen Hochschule Ilmenau Theoretische Elektrotechnik und Regelungstechnik (Diplom 1969). Anschließend nahm er im Jenaer Forschungszentrum des Zeiss-Kombinates eine Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter auf, die er bis 1989 ausübte.
1975 wurde Gerd Schuchardt an der Technischen Universität Dresden zum Dr.-Ing. der Fertigungsmeßtechnik promoviert; bis 1983 absolvierte er an der TH Ilmenau ein postgraduales Studium mit dem Abschluß als Fachingenieur für Mikroprozessortechnik. 1985 erhielt er mit einem Kollektiv, das auf dem Gebiet der Hochpräzisionstechnik tätig war, den Nationalpreis zweiter Klasse für Wissenschaft und Technik. Er verfaßte zahlreiche Publikationen zur Präzisionsmeßtechnik; darüber hinaus laufen auf seinen Namen mehrere Patente.
Im Zeiss-Kombinat lehnte Gerd Schuchardt jegliche Leitungsfunktionen ab und blieb parteilos, gehörte in den Wendemonaten 1989/90 dann aber in Jena zu den Ersten, die der Sozialdemokratischen Partei (SDP) beitraten, aus der Anfang 1990 die SPD hervorging. Er war Mitglied des Landesvorstandes Thüringen der SPD, stellvertretender Landesvorsitzender und übernahm im ersten Nach-Wende-Landtag den Vorsitz der SPD-Fraktion. Nach dem Rücktritt von Ministerpräsident Josef Duchac (CDU) kandidierte er 1992 für das Amt des Regierungschefs, unterlag aber mit 27 zu 50 Stimmen dem CDU-Kandidaten Bernhard Vogel.
Als es nach der Landtagswahl 1994 zu einer Koalition aus CDU und SPD kam, wurde Dr. Gerd Schuchardt stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Wissenschaft, Forschung und Kultur. Von 1994 bis 1996 war er gleichzeitig Landesvorsitzender der SPD. Nach der Landtagswahl 1999, die der CDU die absolute Mehrheit und der SPD nur Platz drei brachte (18,5 Prozent), trat er ins zweite Glied zurück, kandidierte zur Landtagswahl 2004 nicht mehr und zog sich weitgehend aus der Politik zurück.
Gerd Schuchardt hat gegenwärtig noch eine Reihe Ehrenämter inne. Er ist Mitglied im MDR-Verwaltungsrat; außerdem gehört er dem Universitätsrat der FSU Jena und dem Beirat der Ernst-Abbe-Stiftung an. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und vier Enkel. Sein Lebensmittelpunkt ist die Stadt Jena, die ihm 2008 die Ehrenbürgerschaft verlieh. 2005 war er bereits mit dem Thüringer Verdienstorden ausgezeichnet worden.
NTI-Ausgabe 4/2014

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