„Demokratie leben heißt: Demokratie vorleben“

„Ich fühle mich heute noch als Bürgerrechtler“, Rentner Siegfried Geißler (FOTO SG-Archiv).Siegfried Geißler war eine der treibenden Kräfte der friedlichen Revolution in Südthüringen: Mitbegründer des Neuen Forums, Bezirkssprecher, Spitzenkandidat und dann Alterspräsident des ersten Thüringer Nachwende-Landtags. 1992, zur Mitte der Legislaturperiode, setzte ihm seine Fraktion den Stuhl vor die Tür. Was denkt der knapp 84jährige heute über jene Zeit?

Wir treffen uns in der historischen Gaststätte „Gambrinus“ in Suhl, die einem seiner Söhne gehört. Ein Glas Wasser und ein Schoppen Wein stehen vor ihm auf dem Tisch. Jeder, der den Schankraum betritt, grüßt freundlich, respektvoll. Im „Gambrinus“ findet sich regelmäßig eine Schar von Musikern ein, die einst der Suhler Philharmonie angehörten. Siegfried Geißler war ihr Chef und fehlt in keiner dieser Runden. Dagegen gibt es zu den Mitstreitern aus der Wendezeit, die das Leben des Dirigenten und Komponisten in eine völlig neue Bahn lenkte, kaum noch Kontakte …

NTI: Herr Geißler, Sie waren der älteste Abgeordnete, als sich am 25. Oktober 1990 im Weimarer Nationaltheater der erste Nachwende­Landtag konstituierte. Als Alterspräsident haben Sie die Eröffnungsrede gehalten. Wissen Sie noch, was Sie den Abgeordneten damals mit auf den Weg gegeben haben?

GEISSLER: Ich habe damals im Weimarer Nationaltheater natürlich zuerst über das gesprochen, was hinter uns lag: die friedliche Revolution, die Zerschlagung des SED­Machtapparates, die Auflösung der Stasi. Und, daraus schlußfolgernd, über die Fülle der Aufgaben, die vor uns lag und die es zu bewältigen galt: die Errichtung eines auf dem Willen seiner Bürger beruhenden demokratischen Gemeinwesens in Thüringen, das sich würdig einreiht in die Gemeinschaft der deutschen Länder. Mein Schlußsatz, der später oft kopiert wurde, lautete damals: „Demokratie leben heißt: Demokratie vorleben“.

NTI: 23 Jahre später: Haben sich Ihre Hoffnungen erfüllt?

Erster Alterspräsident des Thüringer Nachwende-Landtages Siegfried Geißler (Neues  Forum), 14 Tage quasi Regierungschef (FOTO NTI-Archiv).GEISSLER: Im Prinzip nicht. Was wir jetzt erleben – und ich verfolge das politische Geschehen sehr intensiv –, das ist nicht Demokratie, also Herrschaft des Volkes, sondern pure Autokratie, das ist die Selbstherrschaft der Regierenden, und die Legislative muß mitziehen. Das beste Beispiel waren Helmut Kohl und die CDU. Kohl ist in meinen Augen nicht der Kanzler der deutschen Einheit. Er hat die deutsche Einheit verpaßt: unter anderem, als er den Artikel 146 des Grundgesetzes der Bundesrepublik ignorierte und dem vereinigten Deutschland eben nicht die 1949 dem Volk versprochene neue deutsche Verfassung gab.

NTI: Welche Vorstellungen hatten Sie und das Neues Forum denn damals?

GEISSLER: Wir im Neuen Forum hatten unsere Vorstellungen schon während der Tage des Umbruchs in einer Arbeitsgruppe zu Papier gebracht. Darin ging es um ein neues Wahlrecht und um die neue Verfassung. Ich wollte einen eigenen deutschen Staat und eine entmilitarisierte Zone. Ich hielt und halte es mit Thomas Mann, der 1951 sagte: „Wir brauchen kein deutsches Europa, wir brauchen ein europäisches Deutschland“.

Thüringer Bündnis 90/Die Grünen-Politikerin Christine Grabe im Jahr 1992, vereinbarte Rotation (FOTO Erhard Schorcht).NTI: Aus heutiger Sicht zum Teil doch eher blauäugige Vorstellungen? GEISSLER: Wir waren Laienpolitiker und hatten demzufolge kaum eine Ahnung vom Politikgeschäft. Was sich hinter den Kulissen abspielte, davon bekamen wir nicht viel mit. Unter dem Dach der „Allianz für Deutschland“ hatten sich damals nicht nur CDU­Leute und Bürgerbewegte zusammengefunden, sondern auch alte Kräfte und Lobbyisten Unterschlupf gefunden, die zuerst auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren. Dagegen kamen wir nicht an. Uns vereinte vor allem Hoffnung. Für mich war es nach zwei Diktaturen der vierte Anlauf, Demokratie zu gewinnen: zum ersten Male nach dem Zweiten Weltkrieg, dann mit den ersten Wahlen in der jungen Bundesrepublik und schließlich nach dem Prager Frühling. Dreimal erfüllten sich meine Hoffnungen nicht. Diesmal sollte es gelingen.

NTI: Schon nach zwei Jahren Abgeordnetentätigkeit zogen Sie jedoch ein ernüchterndes Fazit: „In der Politik“, sagten Sie damals in der NTI, „lebt Demokratie von Kompromissen. Diese beherrschen wir noch nicht und können Demokratie nicht leben.“ Die Politik in Thüringen lebt heute fast nur noch von Kompromissen. Beherrschen „wir“ Demokratie inzwischen? Leben „wir“ heute Demokratie? GEISSLER: Nein. Kompromisse sind für mich Erfolge der besseren Argumente. Doch was sich derzeit in Thüringen abspielt, sind Parteienkämpfe. Jeder schielt mit dem, was er sagt und tut, schon auf die nächsten Wahlen. Doch das Parteiensystem hat sich längst überholt. Gebraucht wird ein neues Wahlgesetz, ein Mehrheitswahlgesetz, das sich an Sachfragen und an den Interessen der Bürger orientiert. Zwischen CDU und SPD gibt es doch im Bund wie im Land kaum noch Unterschiede, auch wenn beide immer wieder den Schein zu erwecken suchen, als hätten der eine die besseren politischen Rezepte als der andere.

NTI: Wie beurteilen Sie Ihre vier Jahre im Landtag?

GEISSLER: Die ersten Monate waren geprägt von lebendigen politischen Auseinandersetzungen, die sich an den Interessen der Beteiligten orientierten. Die CDU hat zuweilen sogar für unsere Anträge gestimmt. Das änderte sich, als Bernhard Vogel Ministerpräsident wurde. Er hat seine CDU­Fraktion in einer Weise diszipliniert, die mich an SED­Parteidisziplin erinnerte. Hinzu kam der wachsende Einfluß sogenannter Westberater. Da ist manches erst recht schiefgelaufen.

NTI: Im Rückblick also trotz Enttäuschungen keine verlorenen Jahre?

GEISSLER: Im Gegenteil. Wir haben derzeit zwar noch keine wahrhafte Demokratie, wie ich sie mir vorstelle, aber auch keine Diktatur. Und wir haben viel Freiheit gewonnen. Wobei ich unter Freiheit allerdings verstehe, daß nicht jeder tun und lassen kann, was er will, sondern daß er Verantwortung für sich selbst und für andere trägt. Erst dann, so glaube ich, besteht auch die Möglichkeit, eine neue Demokratie zu entwickeln, und zwar wahrhafte und nicht wehrhafte Demokratie, wie immer wieder betont wird.

NTI: Was ist aus Ihrer vierjährigen Landtagszugehörigkeit geblieben?

Bundeskanzler Helmut Kohl (CDU) auf einem Deutsch-Französischen Gipfeltreffen im September 1997 in Weimar, „Er hat die deutsche Einheit verpaßt.“ (FOTO Andreas Kühn).GEISSLER: Ohne Wenn und Aber die Mitarbeit an der Thüringer Landesverfassung. Ich gehörte als Vertreter der gemeinsamen Fraktion von Neues Forum, Grüne und Demokratie Jetzt! dem Verfassungsausschuß des Landtages an und kann ohne Übertreibung sagen, daß ich an der Erarbeitung des Dokuments einen beachtlichen Anteil habe. Beispielsweise geht die Fassung des Artikels eins auf meine Initiative zurück. Dort steht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie auch im Sterben zu achten ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Keine andere deutsche Verfassung enthält einen solchen Passus. Oder Artikel 27: „Kunst ist frei“. Auch diese Verpflichtung ist einmalig in der Bundesrepublik und kam auf meinen Antrag hin zustande.

NTI: Doch nicht alle Ihre Vorschläge wurden akzeptiert?

GEISSLER: So ist Demokratie. In wesentlichen Artikeln der Thüringer Verfassung wollte ich neben dem Verbot von nazistischem Gedankengut und Nazisymbolen auch ein Vermummungsverbot einbringen. Denn ich bin der Auffassung: Wenn ich zu einer Demonstration gehe, dann muß ich mich nicht vermummen, dann sollte ich zeigen, was ich willens bin zu tun. Eine Demonstration ist schließlich kein Karnevalsumzug! Doch der Vorschlag kam gar nicht erst auf die Tagesordnung; er scheiterte schon in unserer Fraktion.

NTI: Sie hätten Ihre Bedenken während der feierlichen Verabschiedung der Landesverfassung auf der Wartburg äußern können …

GEISSLER: Dazu ist es nicht gekommen. Obwohl ich Abgeordneter, Alterspräsident und Mitglied im Verfassungsausschuß war, erhielt ich kein Rederecht. Das war ein politischer Affront, der in der Öffentlichkeit Aufsehen erregte.

NTI: Nicht nur das Vermummungsverbot spaltete Sie und Ihre Fraktion; Sie sind auch nie Fraktionsvorsitzender geworden, obwohl Sie doch Bezirkssprecher und sogar Spitzenkandidat des Neuen Forum waren.

 Disziplinierung in einer Weise, „die mich an SED-Parteidisziplin erinnerte“ (FOTO  WST-Archiv).GEISSLER: Richtig, als Spitzenkandidat hätte ich eigentlich Fraktionschef werden müssen. Mit Rücksicht auf die Grünen hatten wir jedoch eine Rotation vereinbart, nach der zunächst Christine Grabe als Frau den Vorsitz übernahm. Zur Mitte der Legislaturperiode sollte ich ihr nachfolgen. Ich war auch schon gewählt. Dann hat es sich die Mehrheit der Fraktionsmitglieder aber anders überlegt. Sie holte sich einen PDS­Abgeordneten mit ins Boot und schloß Matthias Büchner und mich aus. Uns blieb nichts weiter übrig, als uns diesem Beschluß zu beugen. Auch das ist Demokratie.

NTI: Mit welcher Begründung sind Sie ausgeschlossen worden?

GEISSLER: Ich war den anderen wohl politisch zu unbequem. Vor allem hatte ich etwas gegen den Zusammenschluß der Grünen in Ost und West. Ich bin im Grunde meines Herzens kein Freund von Parteien, obwohl ich SED­Mitglied war. Ich bin auch nie aus dem Neuen Forum ausgetreten. Und ich fühle mich sogar heute noch als Bürgerrechtler.

NTI: Sie nennen die Zusammenarbeit mit Grünen und Demokratie Jetzt! in Ihrem Internet­Auftritt eine Mesalliance, eine unglückliche Verbindung. Warum?

GEISSLER: Die politische Zusammenarbeit funktionierte nicht. Die Interessengegensätze waren zu groß, als daß sie auf die Dauer hätten gekittet werden können. Auch Finanzfragen spielten eine Rolle. NTI: Wie ist es überhaupt zu der doch recht ungewöhnlichen Zusammensetzung dieser Fraktion gekommen?

GEISSLER: Das haben Mitglieder der drei Bürgerrechtsbewegungen in Erfurt so beschlossen. Wir vom Neuen Forum waren damals sehr optimistisch an die Landtagswahl herangegangen. Wir glaubten mit 140 000 Mitgliedern hinter uns könnten wir 20 bis 30 Mandate erringen. Statt dessen entfielen auf alle drei Neugründungen lediglich sechs Sitze: drei für die Grünen, zwei für das Neue Forum und einer für Demokratie Jetzt! Für eine Fraktion sind mindestens fünf Abgeordnete erforderlich. Wir hatten schlichtweg nicht mit der Fünf­Prozent­Klausel gerechnet.

NTI: Das Neue Forum rechnete zur Landtagswahl, Sie sagten es, mit einem deutlichen Sieg und hoffte, den Ministerpräsidenten zu stellen. Sie waren der Spitzenkandidat und hätten, wenn es so gekommen wäre, den ersten Zugriff auf das Amt gehabt. Haben diese Gedanken je eine Rolle gespielt?

GEISSLER: Es gab sogar Plakate in Südthüringen mit Siegfried Geißler als Ministerpräsidenten von Thüringen. Davon wußte ich nichts, bis ich sie sah. Das ist wohl in erster Linie auf unsere politische Laienhaftigkeit zurückzuführen, die aber bei allen gegeben war. Wir alle mußten die demokratischen Spielregeln erst lernen.

NTI: Zwar eine hypothetische Frage, aber: Hätten Sie es gemacht?

Aus der Thüringer Landtagsfraktion Neues Forum, Grüne, Demokratie Jetzt! ausgeschlossene Abgeordnete Siegfried Geißler (links) und Matthias Büchner im Jahr 1993, „Auch das ist Demokratie.“ (FOTO Dieter Schmidt).GEISSLER: Darauf auch eine hypothetische Antwort: Ja, ich hätte die Wahl angenommen. Aber auch ohne ein Votum war ich 14 Tage quasi „Regierungschef“, und zwar nach dem Wahlabend bis zur konstituierenden Sitzung in Weimar. Diese Aufgabe fällt stets dem ältesten Abgeordneten zu. Und der hieß nun einmal Siegfried Geißler.

NTI: Haben Sie dann als partei­ und fraktionsloser Abgeordneter überhaupt noch Gehör gefunden?

GEISSLER: Gehör schon, aber meist ohne Konsequenzen. Immerhin darf ich für mich in Anspruch nehmen, in diesen vier Jahren am häufigsten am Rednerpult des Landtages gestanden zu haben. Und ich war auch einer der wenigen, der frei gesprochen hat. Darauf und auf meine Mitarbeit im Verfassungsausschuß bin ich nach wie vor stolz.

NTI: Im nachhinein betrachtet – haben Sie damals auch das eine oder andere falsch gemacht?

GEISSLER: Man macht im Leben immer Fehler. Da nehme ich mich nicht aus. Eines habe ich dabei aber gelernt. In der Politik muß man Geduld haben, wenn man etwas durchsetzen, wenn man politische Mehrheiten hinter sich bringen und eine Zusammenarbeit mit an­ deren eingehen will, die nicht der gleichen Meinung sind. Das ist mir in diesen vier Jahren nur sehr bedingt gelungen. Man hat mir gelegentlich auch meine pragmatische Handlungs­ und Denkweise vorgehalten. Doch ich frage mich bis heute: Was ist falsch, wenn einer sein Denken und Handeln vom Standpunkt des praktischen Nutzens für die Bürger aus beurteilt? Denn nichts anderes besagt Pragmatismus.

NTI: Sie sind 1994 aus dem Landtag ausgeschieden. Damals waren Sie 65 Jahre alt. Wollten Sie nicht mehr? Oder haben Sie nach den Querelen in der Fraktion die Geduld verloren?

GEISSLER: Wir sind schlicht und einfach nicht wieder gewählt worden. Ich hatte mich sowohl um einen Sitz im zweiten Thüringer Landtag beworben als auch für das Europa­Parlament. Beide Male reichte der Stimmenanteil nicht aus. Die Bürgerrechtsbewegungen waren damals zersplittert und schon so gut wie zerschlagen.

NTI: Was ist aus dem Neuen Forum in Suhl geworden?

GEISSLER: Nachdem das Neue Forum sowohl bei den Landtags­ als auch bei den Kommunalwahlen gescheitert war, ist es sang­ und klanglos von der Bildfläche verschwunden.

NTI: Und woran sind die Bürgerrechtler Ihrer Meinung nach letztlich gescheitert?

„Ich war und bin nicht nur Kommunist, sondern zuerst Humanist, Demokrat, Anarchist, Atheist, vor allem aber Weltbürger und geborener Sinfoniker“, Thüringer Nachwendepolitiker Siegfried Geißler (FOTO NTI-Archiv).GEISSLER: An der zwanglosen Zusammensetzung und der Unfähigkeit, politische Verantwortung zu übernehmen. Anfangs waren die Suhler eine der aktivsten Gruppen im Neuen Forum. Später traten zu viele Leute auf, die auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren. Unser Wahlspruch „Bürger für Bürger“ wurde allmählich zur Farce. Hinzu kamen prinzipielle politische Meinungsverschiedenheiten und die unsichere wirtschaftliche Situation vieler Mitglieder. Zum vielleicht unrechten Zeitpunkt hat sich das Neue Forum aufgelöst.

NTI: Im Herbst 1989 sind Sie mehrfach öffentlich aufgetreten. In der Suhler Hauptkirche sagten Sie am 18. Oktober unter anderem: „Ja, wir wollen einen demokratischen Sozialismus. Ja, wir wollen sozialistische Demokratie.“ Und auf der Großdemonstration am 4. November in Suhl bekannten Sie: „Ich bin Kommunist und ich bleibe Kommunist.“ Sozialistische Demokratie war am Ende nicht gewollt. Aber: Sind Sie Kommunist geblieben?

GEISSLER: Ich war und bin nicht nur Kommunist – Kommunist im Sinne der kommunistischen Ideale –, sondern zuerst Humanist, Demokrat, Anarchist, Atheist, vor allem aber Weltbürger und geborener Sinfoniker. In der DDR gab es Zeiten, da hatte ich den Eindruck, es könnte wirklich etwas Neues entstehen. Das hat sich leider nicht bestätigt. Mit betonharten Funktionären läßt sich auf die Dauer kein Staat regieren. Und ich hasse Uniformen, Hymnen, Fahnen und Grenzen.

NTI: Die Thüringer Philharmonie Suhl war Ihr Lebenswerk. Sie haben sie von 1965 bis 1978 aufgebaut, begründet und ihr später den Suhler Knabenchor hinzugefügt. Sie sind auch der Gründer der Suhler Singakademie. Wenig davon hat die politische Wende überlebt.

GEISSLER: Das hat mich tief getroffen. Dabei hätte die Philharmonie gerettet werden können. Es gab sogar Signale aus dem Kulturministerium. Doch alle Bemühungen scheiterten letztlich an den hiesigen Kunst­ und Kulturbanausen. Ein Orchester von der Qualität der Philharmonie wird in Suhl nach wie vor sehr vermißt. Ihr Fehlen betrübt und frustiert einen. NTI: Sie wollten, so zitierte Sie damals die NTI, noch eine letzte Sinfonie, Ihre Neunte, komponieren. Wie weit ist die Arbeit gediehen?

 „Es wird keine Neunte geben.“GEISSLER: Es wird keine Neunte von Siegfried Geißler geben. Ich habe am Heiligabend 1988 zwar mit dem Komponieren begonnen, das Vorhaben dann aber nicht weiter verfolgt. Das Notenmotiv S­E­D­S­S­S­A, hätte 1989 einen politischen Eklat hervorgerufen. Im Frühjahr 1989 machte sich wachsende Unruhe in mir breit, die mich nicht mehr zum Arbeiten kommen ließ. Mit der politischen Wende, in die ich mich voll einbrachte, habe ich dann meine künstlerische Arbeit eingestellt und nicht wieder aufgenommen.

NTI: Was ist an ihre Stelle getreten? Wie fühlen Sie sich knapp vor Ihrem 84. Geburtstag?

GEISSLER: Die körperlichen Kräfte lassen allmählich nach. Ich bin nicht mehr so widerstandsfähig wie noch vor Jahren. Der Winter macht mir sehr zu schaffen. Doch der Geist ist weiterhin rege. Ich habe eine neue künstlerische Seite aufgeschlagen: Ich sitze an meinem Computer und schreibe meine Lebensgeschichte. Vier Bücher sind entstanden und fast fertig geschrieben.

 

Mit dem Alterspräsidenten des ersten Thüringer Nachwende­Landtages sprach
KLAUS RANGLACK.

 

Zur Person

Siegfried Rudolf Geißler, Jahrgang 1929, wurde in Dresden geboren und ist dort aufgewachsen. Nach dem Besuch der Volksschule studierte er am Konservatorium seiner Heimatstadt Musik und gehörte als Hornist der Dresdner Philharmonie und der Staatskapelle Dresden an, ehe ihn das Stadttheater Cottbus (1946) als Solo-Hornist verpflichtete. 1947 flüchtete er in die französisch besetzte Zone und schloß sich dem Sinfonischen Orchester Speyer an. Dort begann er auch seine Laufbahn als Dirigent. Zwei Jahre nach DDR-Gründung kehrte Siegfried Geißler zurück. Er fand zunächst Arbeit als Solohornist im Kreiskulturorchester Sonneberg (1951 bis 1953). Berufungen als Chefdirigent folgten: In Aue leitete er von 1953 bis 1956 die Erzgebirgs-Philharmonie und in Mühlhausen von 1956 bis 1958 das Kreiskulturorchester und war dann von 1958 bis 1962 Dirigent der Dresdner Philharmonie unter Prof. Heinz Bongartz. 1962 folgte er dem Ruf als Chefdirigent des Staatlichen Sinfonieorchesters Thüringen mit Sitz in Gotha (bis 1965) und war anschließend 15 Jahre Chefdirigent des Staatlichen Sinfonieorchesters Suhl, aus dem 1978 die Thüringen-Philharmonie Suhl hervorging. Ab 1980 arbeitete er als freischaffender Komponist. Sein musikalisches Schaffen umfaßt 65 Kompositionen, darunter acht Sinfonien, Solokonzerte, Kammermusiken, sinfonische Chorwerke und elektronische Musik. Konzerte und Gastdirigate führten ihn in nahezu alle Ostblockstaaten, nach Finnland und China.

1958 trat Siegfried Geißler der SED bei, der er im September 1989 den Rücken kehrte. Noch im gleichen Monat schloß er sich dem Neuen Forum an, wurde dessen Bezirkssprecher und nahm am 4. Dezember 1989 an der Besetzung der Stasi-Zentrale in Suhl teil. Als berufener Bürger arbeitete er im Volkskammerausschuß zur Auflösung des Ministeriums für Staatssicherheit mit und hatte als Sonderbeauftragter für Südthüringen wesentlichen Anteil an der Zerschlagung der Stasi im ehemaligen Bezirk Suhl.

Siegfried Geißler saß am Runden Tisch des Bezirkes Suhl. Er ist Mitbegründer des Bürgerkomitees Suhl und Begründer des Bürgerkomitees des Landes Thüringen e. V. 1990 wurde er als Spitzenkandidat des Neuen Forums in den ersten Thüringer Nachwende-Landtag gewählt und hielt als Alterspräsident auf dessen konstituierender Sitzung in Weimar die Eröffnungsrede. Zur Mitte der Legislaturperiode wurde er aus der gemeinsamen Fraktion von Neues Forum, Grüne und Demokratie Jetzt! aus- geschlossen und trat am Ende der Legislaturperiode 1994 in den Ruhestand, blieb aber noch mehrere Jahre im Suhler Stadt- rat und im Ortschaftsrat von Suhl-Heinrichs politisch aktiv. Siegfried Geißler ist verheiratet, Vater von drei Kindern, dreifacher Großvater und dreifacher Urgroßvater. Er lebt in Suhl und schreibt an seiner Lebensgeschichte.

 

NTI-Ausgabe 2/2013

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