„Das Bessermachen ist das schwierige“

„Ich möchte keinen Tag missen.“, Ruheständlerin Gisela Hilbrecht. (FOTO GH-Archiv)In den 90er Jahren gehörte sie zu den prominentesten Politikerinnen in Thüringen. Sie war Landesvorsitzende der SPD, Präsidiumsmitglied ihrer Partei und bis 2005 Bundestagsabgeordnete. 1994 führte sie die Thüringer SPD mit knapp 29,6 Prozent der Stimmen zu ihrem bis heute besten Wahlergebnis. Und trat unmittelbar darauf zurück: Gisela Hilbrecht, die damals noch den Namen Schröter führte. Im NTI-Interview verriet sie ihr politisches Credo: „Nicht für, sondern alles mit den Menschen.“

Wir trafen uns im „Stadtcafé“ von Sondershausen. Das Gespräch hatte kaum begonnen, als ein älterer Mann an den Tisch trat und Gisela Hilbrecht ansah: „Ich kenne Sie. Sie sind Frau Schröter von der SPD.“ Gisela Hilbrecht nickte. Der Mann verstand dies wohl als Aufforderung. Er sei, erklärte er, SPD-Sympathiesant, von Beruf Bergmann, 41 Jahre lang, zuletzt Betriebsrat. Und fuhr fort: „Mir hat gefallen, wie Sie damals Politik gemacht haben.“ Dafür bekäme sie heute sicher eine gute Pension, 3600 Euro monatlich. Stimmt’s? Gisela Hilbrecht nickte abermals. „Mehr“, erwiderte sie dann lächelnd …

NTI: Frau Hilbrecht. Geld macht nicht glücklich …, heißt es. Seit nunmehr zehn Jahren mischen Sie in der „großen“ Politik nicht mehr mit. Wie geht es Ihnen? Was machen Sie heute?

HILBRECHT: Mir geht es blendend. Ich habe eine große Familie und zahlreiche Freunde, mit denen ich die meiste Zeit verbringe. Ich lese viel, koche und reise gern. Unlängst habe ich mir sogar noch ein Fahrrad gekauft, mit dem ich größere Strecken unterwegs bin. Ohne Motor, versteht sich. Und mit meinem Mann geht es jeden Winter für längere Zeit nach Teneriffa. Er hat ein unheilbares Au- genleiden. Das Inselklima tut ihm gut.

NTI: In den 90er Jahren – damals hießen sie noch Schröter – waren sie in Thüringen eine prominente Politikerin: SPD-Landesvorsitzende, Präsidiumsmitglied der Bundes-SPD, Abgeordnete des Bundestages … Heute wissen selbst SPD-Mitglieder mit dem Namen Hilbrecht oder Schröter kaum noch etwas anzufangen. Was ist seitdem passiert?

„In einer anderen Liga.“, die damalige Thüringer SPD-Landesvorsitzende Gisela Schröter im Jahr 1993. (FOTO ZB/ Heinz Hirndorf)HILBRECHT: Sehr einfach, ich habe wieder geheiratet. Alten Kämpen ist der Name Schröter noch vertraut. Die Jüngeren kennen ihn ohnehin meist nicht mehr. Ihre Zahl aber steigt. Auf dem Landesparteitag in Arnstadt, auf dem unsere Bundestagskandidaten gewählt wurden, kannte ich nur noch wenige. Umgekehrt war es nicht anders. Das hat mich aber weder irritiert noch enttäuscht. Ich empfand es vielmehr als durchaus positiv. Die vielen neuen Gesichter, die in den vergangenen acht Jahren seit meinem Ausscheiden aus der „großen“ Politik dazugekommen sind, beweisen doch nur: Die SPD lebt.

NTI: Sie waren, als die DDR unterging, Direktorin einer Sonderschule in Sondershausen. Wie erlebten Sie die politische Wende?

HILBRECHT: Sie war die spannendste Zeit meines Lebens, aufregend und unheimlich interessant. Zu DDR-Zeiten hatte ich meine Nische gefunden. Ich war Mitglied eines Liebhabertheaters, das an historischer Stätte im Schloß Stücke von Molière, Tschechow und anderen spielte. Mit Gorbatschows Perestroika wurde das Theater mehr und mehr auch zur Bühne heißer Diskussionen. Die Schlußfolgerungen daraus haben wir schließlich in einem Text festgehalten, der dem ersten Bezirkssekretär der SED in Erfurt übergeben wurde. Sondershausen war dann auch der erste Kreis, der seinen SED-Kreissekretär in die Wüste schickte.

NTI: Als Grundschullehrerin vermieden Sie jedes politische Engagement. Das änderte sich mit der politischen Wende. Sie waren dabei, als in Erfurt zum ersten Male Christen mit Kerzen friedlich durch die Innenstadt zogen.

HILBRECHT: Ich stamme aus einem christlichen Elternhaus und hatte mich zuvor schon an der Friedensarbeit der evangelischen Kirche in Sondershausen beteiligt. Meine Schwester, die in Erfurt lebt, nahm mich damals in die Kaufmannskirche am Anger mit … In unserem Liebhabertheater haben wir danach die neuen politischen Gruppierungen zu Wort kommen lassen – Demokratie jetzt!, das Neue Forum, den Demokratischen Aufbruch. Ich wollte mittun, konnte mich aber für keine dieser Neugründungen erwärmen. Mein Bruder empfahl mir die SPD. Anfang 1990 bin ich eingetreten.

NTI: Die Ersten waren damals nicht die Letzten. Im Gegenteil: Sie machten schnell Karriere.

HILBRECHT: Das war weniger mein Verdienst als der Zeit geschuldet. Mein Bruder hatte mich mit zum Runden Tisch in Sondershausen genommen. Ich gehörte im Januar 1990 zu den Teilnehmern des ersten SPD-Kreisparteitages und dann auch zu den Delegierten des Landesparteitages in Bad Frankenhau- sen. Dort wurde ich in den Landesvor- stand und wenig später auf dem Wahlparteitag in Pfiffelbach auf Platz zwei der Landesliste für den Bundestag gewählt …

NTI: … was nicht so glatt verlief, wie es sich jetzt anhört.

HILBRECHT: Allerdings. Der Direktkandidat für unseren Wahlkreis war nominiert, und für die Landesliste gab es einen Vorschlag, den die Delegierten absegnen sollten. Der wurde von der Basis jedoch abgelehnt. Ich saß dabei und habe mit meiner Meinung nicht hinterm Berg gehalten. Wie ich das immer getan habe. Da kenne ich keine Zurückhaltung. Auf der neuen Liste fand ich mich dann zur eigenen Überraschung auf Platz zwei wieder. Trotzdem rechnete ich mir keine Chancen aus. Die Euphorie in der SPD war groß. Wir glaubten, daß unsere Direktkandidaten durchkommen werden. Eine glatte Fehleinschätzung.

NTI: Damit nicht genug. Monate später wurden Sie auch zur Landesvorsitzenden gewählt.

HILBRECHT: Mein Vorgänger war schon der Dritte, der innerhalb kürzester Zeit das Amt innehatte. Er mußte wegen einer Bagatelle zurücktreten. Mit mir trat Volker Schemmel an, später Staatssekretär im Thüringer Justizministerium, und ich gewann. Was danach kam, war die anstrengendste Zeit in meinem politischen Leben. Aufbauarbeit. Strukturen, die heute noch bestehen, wurden geschaffen, Kreisverbände gegründet, Arbeitsgemeinschaften ins Leben gerufen. Leute eingestellt. In knapp vier Jahren bin ich 99.000 Kilometer durch Thüringen gefahren. Im eigenen Pkw. Und auf eigene Kosten. Landesvorsitzende – das war damals und ist heute noch ein Ehrenamt.

NTI: Haben sich Ihre Hoffnungen und Wünsche, die Sie an die politische Wende knüpften, erfüllt?

HILBRECHT: Nach mehr als 20 Jahren sage ich: Im großen und ganzen ja. Doch nichts ist perfekt. Wir hatten damals aber auch großes Glück. Uns stand eine starke Bundesrepublik zur Seite. Polen, Tschechien und die anderen Ostblockstaaten mußten mit der neuen Situation weitestgehend allein zurechtkommen.

NTI: Was veranlaßte Sie damals eigentlich zu Ihrem radikalen Berufswechsel?

HILBRECHT: Die unglaublichen Herausforderungen, vor denen das Land und jeder einzelne von uns standen. Die Arbeit als Lehrerin und zuletzt als Schulleiterin hat viel Spaß gemacht. Nun aber bot sich die Möglichkeit, in einer anderen Liga zu spielen, dort verändern zu helfen und mitzugestalten: im Großen zwar auch nur kleine Schritte zu machen, die für einen politisch interessierten Menschen in der Provinz dennoch tagtägliche eine neue Herausforderung mit sich brachte. Der Wechsel ist mir nicht schwergefallen …

NTI: … und Sie haben ihn offensichtlich auch nicht bereut?

„Ich habe viele Persönlichkeiten kennengelernt.“, deutscher Sozialdemokrat Willy Brandt (FOTO  Dieter Urban)HILBRECHT: Nie. Ich habe viele Persönlichkeiten kennengelernt – Willy Brandt zum Beispiel oder Nelson Mandela und Simon Peres – und viele Erfahrungen gewonnen – gute wie weniger gute, schmerzvolle auch, die mir zu DDR- Zeiten unter die Haut gegangen wären. Als Parteilose mußte ich am Parteilehrjahr teilnehmen. Doch ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, daß ich Christin bin. So hat man mich weitgehend in Ruhe gelassen. In der Politik wurde dann mit anderen, härteren Bandagen gespielt. Trotzdem: Ich möchte keinen Tag missen.

NTI: Sie spielen auf Ihren Rücktritt als Landesvorsitzende an? Er kam 1994 für viele in der Partei und erst recht für Außenstehende ziemlich überraschend. Schließlich hatte die SPD kurz zuvor 29,6 Prozent der Stimmen eingefahren, ihr bis heute bestes Ergebnis bei einer Landtagswahl.

HILBRECHT: Diese 29,5 Prozent waren wohl auch der Preis, daß ich gehen mußte. Ich bin kein Freund einer Großen Koalition, die dann mit der CDU zustande kam. Und ich stehe für die strikte Trennung von Mandat und Parteivorsitz. Außerdem: Mein Wirkungsfeld war der Bundestag. Ich wollte nicht Ministerin in Thüringen werden. Das habe ich auch immer gesagt. Aber das hat man mir nicht abgenommen, wollte es vielleicht auch nicht. Die Fraktion war jedenfalls darauf eingestellt. Ohne großes Federlesen begab sie sich gegen meinen Rat in die Große Koalition und folgte damit dem Willen der Parteiführung, die diese Koalition auf einem Landesparteitag in Person von Rudolf Scharping ausdrücklich empfohlen hatte.

NTI: Sie haben daraufhin das Handtuch geworfen. Wie es hieß, wollten Sie damit einem Ausschluß aus der Partei zuvorkommen. Heiko Gentzel, noch heute Landtagsabgeordneter, drohte sogar öffentlich mit Rausschmiß. Sie nannten sein Verhalten damals in der NTI eine „Anmaßung“, die die Fraktion unwidersprochen hingenommen hätte. Haben Sie später Frieden mit Gentzel geschlossen?

„Pfeile abgeschossen, die andere angespitzt hatten.“, Thüringer SPD-Landtagspolitiker Heiko Gentzel. (FOTO Dieter Schmidt)HILBRECHT: Mit Heiko Gentzel mußte ich nicht Frieden schließen. Schämen sollten sich vielmehr die, die ihm diese Worte in den Mund gelegt hatten. Heiko schoß nur die Pfeile ab, die andere angespitzt hatten. Das verüble ich ihm nicht mehr. Wir reden miteinander. Damit hat es sich.

NTI: Wer ist es dann gewesen?

HILBRECHT: Ich weiß es, möchte darüber aber auch heute nicht reden. Ich halte nichts von denen, die sagen, daß sie für die Menschen etwas machen wollen. Meine Devise war immer, alles mit den Menschen zu machen.

NTI: Wir vermuten mal, daß es Ihr Nachfolger im Amt des Landesvorsitzes war, Dr. Gerd Schuchardt, der dann in der Großen Koalition auch stellvertretender Ministerpräsident und Kultusminister wurde?

HILBRECHT: ...

NTI: Wenn Sie diese Entwicklung zu- rückdrehen könnten, was würden Sie anders machen?

HILBRECHT: Nichts, auch wenn die Enttäuschung über Menschen, mit denen mich jahrelange Zusammenarbeit verband, bis heute nicht vollständig überwunden ist. Auf einer Veranstaltung kurz vor dem Landesparteitag, auf dem ein neuer Landesvorstand gewählt werden sollte, hat man mir nahegelegt, zurückzutreten. Das habe ich getan und die Versammlung danach wortlos und – wie man mir hinterher sagte – mit hochrotem Kopf verlassen. Der Vorgang ist mir sehr nahegegangen. Draußen sind mir dann sogar ein paar Tränen gekommen. Dank ist nun mal keine politische Kategorie. Meine Menschen- liebe hat darunter aber nicht gelitten.

NTI: Sie haben sich damals gegen eine Große Koalition ausgesprochen, und Sie sind vom Parteivorsitz zurückgetreten, obwohl Sie beste Chancen auf ein Ministeramt in Thüringen hatten?

HILBRECHT: Ich war nie auf eine politische Karriere aus, weder anfangs, als ich in die SPD eintrat, noch nach dem tollen Wahlergebnis von 1994. Politische Ämter haben mich niemals gelockt. Sie hätten auch nicht zu mir gepaßt; dazu bin ich viel zu spontan.

NTI: In den knapp vier Jahren, die Sie an der Spitze des Landesverbandes standen, habe sich die SPD in Thüringen „auf den Weg zu einer Volkspartei gemacht“, sagten Sie damals in der NTI. Ist Ihre Partei inzwischen dort angelangt?

HILBRECHT: Nicht wirklich, wie die 16,3 Prozent für die SPD in Thüringen zur jüngsten Bundestagswahl belegen. Das ändert freilich nichts daran, daß der Anspruch nach wie vor besteht. Wir haben ja auch viele Sympathisanten. Aber es fehlt an echter Begeisterung, übrigens nicht nur für die SPD, sondern auch für CDU und Die Linke und insgesamt für die Demokratie. Demokratie wird inzwischen von vielen als selbst- verständlich hingenommen. Die Zahl derer, die dafür brennen, geht zurück. Und die Parteien haben ihren Anteil daran, weil sie zum Teil Themen auf die Tagesordnung setzen, die die Menschen nur marginal berühren ...

NTI: … wie zum Beispiel die leidige Diskussion um eine Gebietsreform in Thüringen?

HILBRECHT: Unter anderem. Statt Bürokratie und Administration wünsche ich mir Themen, die die Gesellschaft voranbringen. Daß sich CDU und Linke dabei schwertun, überrascht mich nicht. Sie sind alte Parteien in neuem Gewand. Aber die SPD ist hier in Thüringen von A bis Z eine neue Partei.

„Ich war bestimmt nicht immer ein bequemer Partner.“, Thüringer SPD-Chefin Gisela Schröter im November 1994 in einem NTI-Interview. (FOTO Dieter Schmidt)NTI: Die CDU hatte nach der Landtagswahl 1994 ihren Koalitionspartner FDP verloren und war für die nächsten fünf Jahre auf die SPD angewiesen. Als Bundestagsabgeordnete befürworteten Sie damals eine Zusammenarbeit mit den Christdemokraten; als Landesvor- sitzende forderten Sie dazu auf, auch über die Tolerierung einer CDU-Minderheitsregierung nachzudenken. Sie wünschten sich, daß Wähler und Mitglieder „stärker in den Gang der Entscheidung einbezogen“ würden. Die Große Koalition kam zustande und hielt – entgegen Ihrer Prognose – die vollen fünf Jahre. Haben Sie Ihre Meinung später revidiert?

HILBRECHT: Die Große Koalition von CDU und SPD hat sicher einiges Gute bewirkt. Das ist ja der Vorteil einer Großen Koalition: Sie kann etwas bewegen. Zudem bildeten die beiden Repräsentanten, hier Bernhard Vogel und dort Gerd Schuchardt, ein gutes Gespann. Das war zwar gut für das Land, bedeutete für die SPD aber Stillstand. Inhaltlich wie personell stagnierte die Entwicklung. Die Strafe folgte fünf Jahre später. Die Vogel-CDU errang die absolute Mehrheit der Sitze im Landtag, die SPD kam mit 18,5 Prozent noch hinter der PDS ein. Davon haben sich die Sozialdemokraten bis heute nicht erholt.

NTI: Bernhard Vogel, damals Ministerpräsident in Thüringen, bezeichnete die PDS, die sich heute Die Linke nennt, als „Auslaufmodell“. Sie sagten voraus, daß sich die Partei zu Lasten der SPD „weiter profilieren“ werde. Inzwischen ist Die Linke geworden, was Sie damals in der Neuen Thüringer Illustrierten befürchteten, nämlich „beileibe kein ausgesprochen ostdeutsches Problem mehr“. Was hat die SPD falsch gemacht?

HILBRECHT: Für so eine Vorhersage wäre ich im Mittelalter sicher als Hexe verbrannt worden. Aber im Ernst: Opposition ist immer spannender als in einer Regierung Kompromisse zu schließen. Die Linken sind zu großen Teilen typische Weltverbesserer; sie hängen Träumen nach, die mit dem richtigen Leben nichts gemein haben; sie bilden im Grunde eine konservative Partei, die Veränderungen will, aber nicht sagt, in welcher Richtung. Die SPD hingegen ist immer gleich in Verantwortung gegangen. Auch sie will die Gesellschaft verändern, aber so, daß die Menschen davon profitieren. Die Linke strebt mehrheitlich jedoch zurück in die „gute, alte DDR“. Das ist der wesentlichste Unterschied zwischen beiden Parteien.

NTI: 2009 wiederholte sich die Geschichte in mancher Hinsicht. Wieder wählte die SPD den Weg in eine Koalition mit der CDU. Was meinen Sie: War dieser Schritt die richtige Entscheidung? Oder wäre eine Zusammenarbeit mit der Linken und den Bündnisgrünen für das Land die bessere Lösung gewesen?

HILBRECHT: Die SPD hat gekämpft, ob ein Rot-rot-grünes Bündnis möglich ist. Ich nehme ihr jedenfalls ab, daß sie es ernsthaft versucht hat. Und die Mehrheit in der Partei wollte dieses Bündnis wohl auch. Ob das bei gleichen Voraussetzungen nächstes Jahr noch einmal der Fall sein wird, bezweifle ich. Diese Koalition hat für sich nicht die beste Werbung gemacht. Das Ganze dann noch einmal? Ich fände das nicht gut, und das will die Mehrheit der Thüringer sicher auch nicht.

NTI: Ihre Meinung und Ihr Rat, so unser Eindruck, waren nach 1994 in Ihrer Partei kaum noch gefragt. Hat sich das geändert? Schließlich sollten Sie in vielen Punkten recht behalten.

HILBRECHT: Der Eindruck trügt. Ich habe mich nach dem Rücktritt nicht beleidigt in die Schmollecke zurückgezogen, sondern bin weitere acht Jahre Mitglied des Landesvorstandes geblieben. Hier war ich bestimmt nicht immer ein bequemer Partner; ich habe weiterhin meine Meinung vertreten, oft genug auch sehr heftig. Aber irgendwann kommt für jeden der Schluß. Das war für mich 2002 der Fall. Seitdem arbeite ich im Kreisvorstand Sonderhausen mit. Einmal SPD, immer SPD.

NTI: Gibt es Dinge, auf die Sie mit besonderem Stolz oder zumindest doch mit stiller Zufriedenheit zurückblicken?

HILBRECHT: Am nachhaltigsten ist mir die Agenda 2010, die unter SPD-Kanzler Gerhard Schröder auf den Weg gebracht wurde, in Erinnerung geblieben. Weil sie ohne Zweifel die weitreichendste und einschneidendste Entscheidung war, die ich als Bundestagsabgeordnete mitgetragen habe. Für und Wider bereiteten mir damals viele schlaflose Nächte. Aber ich habe schließlich zugestimmt, weil ich überzeugt war, daß unser Land damit vom Kopf wieder auf die Füße gestellt wird. Die Agenda war nicht das Idealbild. Aber sie war zum richtigen Zeitpunkt die richtige Entscheidung. Warum sonst geht es Deutschland heute so gut? Die SPD wurde dafür damals hart bestraft. Wir haben das geahnt und trotzdem so gehandelt.

NTI: In Berlin zeichnet sich neuerlich eine CDU/SPD-Regierung ab. Gehören Sie zu ihren Befürwortern?

HILBRECHT: Eine Große Koalition ist unter den gegebenen Umständen wohl die beste Lösung. Interessant wäre aber auch Schwarz-Grün gewesen. Die Bündnisgrünen könnten die FDP in Zukunft ersetzen. Sie haben in mancher Hinsicht gleiche oder ähnliche Vorstellungen und Ziele wie die Liberalen, so daß ein schwarz-grünes Bündnis für die Zukunft nicht mehr auszuschließen ist. Zur Zeit deutet allerdings alles auf Schwarz-Rot hin. In diesem Falle müssen jedoch einige Regularien im Bundestag geändert werden. Die Opposition würde sonst von einer schwarz-roten Übermacht erdrückt werden.

NTI: Zurück nach Thüringen: „Wer die Basis verliert, kann seine Aufgaben nicht erfüllen“, postulierten Sie im schon zitierten NTI-Interview. Wie beurteilen Sie die gegenwärtige Situation der Thüringer SPD. Gehen Matschie und Co. nach vier Jahren Regierungsbeteiligung noch konform mit der Basis?

Thüringer Koalitionäre Bernhard Vogel (CDU) und Gerd Schuchardt (SPD), ein gutes Gespann. (FOTO wst-Archiv)HILBRECHT: Die Basis der SPD ist gegenwärtig zwar nicht besonders groß, ich habe aber schon den Eindruck, daß sie mehrheitlich hinter ihren Ministern und ihrer Fraktion steht. Regierungsverantwortung prägt. Wer regiert, der kann gestalten. Und das tun die vier SPD- Minister – mit mehr oder weniger gutem Erfolg. Ebenso ist es aber auch Pflicht, Kompromisse zu schließen. Daran scheiden sich oftmals die Geister.

NTI: Wenn von der aktuellen Situation der Thüringer SPD die Rede ist, kommt man an Matthias Machnig nicht vorbei. Überzeugt er Sie als Wirtschaftsminister? Wahlstatistiker errechneten, daß er der SPD zur Bundestagswahl mit seinen Doppelbezügen mindestens 1,6 Prozent der Stimmen gekostet habe. Sollte er zurücktreten oder zumindest für die Landtagswahl auf eine Spitzenkandidatur verzichten?

HILBRECHT: Matthias Machnig ist ein Mann mit vielen Ideen. Unter den Parteimitgliedern hat er damit ein Stück weit jene Begeisterung geweckt, die ich in der Partei vermisse. Machnig ist als Minister gut, weil er nicht alles als gegeben hinnimmt, sondern hinterfragt und auf Veränderungen drängt. Aber seine Doppelbezüge – das geht überhaupt nicht. Politiker müssen ehrlich sein, gewissenhafter als alle anderen. So etwas mag in Bayern toleriert werden. In Thüringen gibt es dafür kein Verständnis. Ich an seiner Stelle wäre zurückgetreten. Aber das ist seine Entscheidung. Mit ihm als Spitzenkandidaten für die Landtagswahl 2014, da bin ich sicher, kommt die SPD auf keinen grünen Zweig. Er ist für diese Aufgabe inzwischen völlig ungeeignet.

NTI: Sie waren Lehrerin und können die Arbeit von Kultusminister Christoph Matschie sicher am besten einschätzen. Das Urteil der Öffentlichkeit fällt gemischt aus; das Gros der Thüringer Lehrer läßt kaum ein gutes Haar an ihm. Was meinen Sie?

HILBRECHT: Als Kulturminister hat er sehr gute Arbeit geleistet. Dafür wird er allseits auch geschätzt. Als Kultusminister wollte er in fünf Jahren durchsetzen, was seine CDU-Vorgänger in 15 Jahren zuvor nicht geschafft haben. Das ist aller Ehren wert. Damit ist er aber nur teilweise erfolgreich gewesen. Auf diesen Weg hätte er die Betroffenen mitnehmen müssen, vor allem Lehrer und Eltern. Das ist ihm nur ansatzweise gelungen, und zwar aus einem einfachen Grund: Lehrer und Erzieher in Thüringen sind überaltert. Sie tun sich schwer mit Veränderungen ...

NTI: Mit Veränderungen welcher Art? HILBRECHT: Zum Beispiel mit der Inklusion, dem gemeinsamen Lernen von behinderten und nicht behinderten Kindern. Die damit verbundenen Auf- gaben wurden quasi von außen über- gestülpt, statt sie von innen her, also aus der Lehrerschaft heraus, anzupacken. Es geht dabei doch um einen Komplex von Aufgaben: nicht nur um bessere materielle Bedingungen an den Schulen und um zusätzliche Fachkräfte, sondern auch um entsprechend ausgebildetes Personal. Daran aber mangelt es in Thüringen. Es genügt eben nicht nur, Geld in die Hand zu nehmen. Man muß die Betroffenen einbeziehen und sie begeistern, die damit verbundenen Probleme nicht nur vom Kopf her anzugehen, sondern auch mit dem Herzen.

NTI: Daß die Sozialdemokraten einmal stärkste politische Kraft in Thüringen werden wollten – davon spricht inzwischen kaum noch einer, erst recht nicht nach dem schlechtesten Ergebnis bei der Bundestagswahl. Aber was muß geschehen, damit sie zur Landtagswahl 2014 wenigstens wieder vor den Linken einkommt?

HILBRECHT: Ich war als Direktkandidatin zweimal erfolgreich und habe festgestellt, daß Wahlentscheidungen zu einem großen Teil von der politischen Stimmung abhängen, die gerade im Land herrscht. Im Osten entscheidet zusätzlich oft noch das Herz, und hierbei hatte Peer Steinbrück mit seiner Biographie leider schlechte Karten. Auch die Begeisterung für die CDU hielt sich in Grenzen. Aber da war die Gewißheit, „Mutti“ wird es schon richten. Bei Wahlen geht es doch immer vor allem darum, ob es einer besser kann als sein Vorgänger. Das Bessermachen ist das schwierige. Denn besser machen muß nicht immer Zugewinn, sondern kann auch abgeben bedeuten.

NTI: Von Abgeben war in deutschen Wahlkämpfen allerdings noch nie die Rede.

HILBRECHT: Weil es sehr schwer ist, das den Bürgern zu erklären. Verändern und verbessern, ohne daß unterm Strich für den einzelnen mehr herauskommt? Die CDU ließ sich darauf erst gar nicht ein. Sie präsentierte sich vom Scheitel bis zur Sohle konservativ: Alles bleibt so wie es ist, keinem wird es mit uns schlechter gehen. Das hat offensichtlich gezogen. Ist es aber auch zukunftsfähig? In einer Zeit des Klimawandels, sozialer Ungerechtigkeiten und grenzenloser Armut in vielen Teilen der Welt heißt Verantwortung tragen auch abgeben und teilen. Im „Wir“ des SPD-Wahlmottos klang dies an. Aber auch hier hielt sich die Begeisterung in Grenzen.

 

Mit der früheren Bundestagsabgeordneten und SPD-Landesvorsitzenden Gisela Hilbrecht sprach

KLAUS RANGLACK.

 

 

Zur Person

Gisela Hilbrecht, Jahrgang 1948, kam im thüringischen Geisa zur Welt. 1952 wurde die Familie zwangsausgesiedelt. Über Greußen gelangte sie nach Sondershausen. Nach der Mittleren Reife (1965) nahm Gisela Hilbrecht am Institut für Lehrerbildung in Nordhausen die Ausbildung zur Unterstufenlehrerin auf (Examen 1968) und war danach an der POS in Schernberg und ab 1985 an der Sonderschule für lernbehinderte Kinder in Sondershausen tätig. 1987 nahm sie an der Berliner Humboldt-Universität ein Fernstudium für Rehabilitation auf, das sie 1989 als Sonderpädagogin abschloß. Ein knappes Jahr später übernahm sie die Leitung der Sondershäuser Sonderschule.

Die politische Wende veränderte ihr Berufsleben radikal. Gisela Hilbrecht, die zu dieser Zeit den Namen Schröter führte, trat 1990 in die SPD ein, wurde Mitglied des SPD-Landesvorstandes Thüringen und gelangte über die Landesliste in den Deutschen Bundestag, dem sie dann bis

2005 angehörte. 1991 übernahm sie zudem den Vorsitz der Thüringer SPD (bis 1994), war bis 1995 Mitglied des Präsidiums der Bundes-SPD und bis 2001 Mitglied des Bundesvorstandes. Zur Bundestagswahl 2005 trat sie nicht mehr an, engagiert sich seither jedoch im SPD-Kreisverband ihrer Wahlheimat Sondershausen, dessen Kreisvorstand sie bis heute angehört.

Während ihrer Abgeordnetentätigkeit in Bonn und Berlin übernahm sie eine Reihe Ehrenämter. Gisela Hilbrecht war unter anderem Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Demokratische Bildungswerke mit Sitz in Bonn sowie Mitglied des Verwaltungsrates der Vergabekommission und der deutsch-französischen Kommission der Filmförderungsanstalt mit Sitz in Berlin. Darüber hinaus gehörte sie der Gewerkschaft Wissenschaft und Erziehung (GWE) an und arbeitete in der Arbeiterwohlfahrt (AWO) mit.

Gisela Hilbrecht ist verheiratet, hat zwei erwachsene Kinder und zwei Enkel. Sie lebt in Sondershausen, verbringt viel Zeit mit ihrer Familie, liest, kocht und reist gern. Den Winter verbringt sie mit ihrem Mann, der an einer unheilbaren Augenkrankheit leidet, auf Teneriffa.

 

NTI-Ausgabe 10/2013

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